Qntal II
Feature im Zillo Musikmagazin 1995

Die Veröffentlichung des Qntal-Debütalbums „Qntal“ 1992 erregte in erster Linie sicherlich Aufmerksamkeit, weil mit Ernst Horn und Michael Popp zwei Musiker von Deine Lakaien an einem Projekt beteiligt waren, das zusammen mit der durch Estampie bekannten Sängerin Sigrid Hausen das schwierige Unterfangen in Angriff nahm, das Mittelalter musikalisch mit der Neuzeit zu verbinden. Mit dem neuen, schlicht „Qntal II“ benannten Album folgt nun der zweite Teil einer Symbiose, die sich nicht nur auf der rein musikalischen Ebene vollzieht, sondern auch auf einer thematischen.

„Die Grundlage der Musik von Qntal sind Texte aus dem Mittelalter. Bei jedem Text entscheiden wir, ob wir die Originalmelodie - falls noch erhalten - verwenden oder eine eigene Melodie schreiben. Thematisch wollen wir die gesamte Bandbreite der mittelalterlichen Lyrik abdecken“, erläutert Ernst den grundlegenden Arbeitsprozess von Qntal. „Die musikalische Umsetzung hat sich sehr am Text orientiert. Das beginnt schon bei den Klangfarben, geht über die Harmonien und endet bei der Rhythmisierung.“

„Jeder hat für sich zunächst ein paar Textvertonungen mit unterschiedlichen Absichten“, ergänzt Michael, der die Lakaien live mit mittelalterlichen Instrumenten unterstützt und natürlich auch bei Qntal einen großen Beitrag dazu leistet, den komplexen Synthesizerarrangements akustische Farben zu verleihen. „Gemeinsam ist allen Stücken nur diese Weite und Ruhe, die die Mittelaltermusik hat, zu bewahren. Ansonsten haben wir uns an Gitarren-Noise, sphärischen Stücken oder mehr tanzorientierten Songs versucht. Auch der Einfluss irischer Folklore spielte eine Rolle.“

Das neue Album greift die musikalische Vielseitigkeit des Debüts auf, präsentiert auf der einen Seite Sigrids klassisch ausgebildete, auf Mittelalter spezialisierte Stimme, die gerade bei den sphärisch untermalten Songs eine religiöse Verzückung zu transportieren scheint. Auf der anderen Seite erhält ihr vielschichtiger Gesang ganz unterschiedliche instrumentelle Begleitung. Da geben ihr sanft dahingleitende Sphärenklänge den vollen Raum zur Entfaltung ihrer Gesangskünste. Ein andermal ringt ihre kraftvolle Performance mit technoid pumpenden Electrobeats oder ausgefeilten, gedrängt dichten Soundscapes, düster bedrohlichen Klangwällen oder äußerst tanzbaren Rhythmen. Doch während die Titel von „Qntal“ schon auf die von Frauen verfassten mittelalterlichen Basistexte hinwiesen, fällt einem der thematische Kontext auf dem neuen Album nicht ohne weiteres auf. Von einem „Intro“ eingeleitet und einem „Epilog“ beendet, offenbart der Hauptteil dem Hörer eine Fülle ganz unterschiedlicher Titel, von denen allein „Frühling“ und „Herbst“ zusammengehören zu scheinen. Was aber wieder alle Titel miteinander verbindet, ist die gewisse Kontinuität von Mittelalter und heutiger Zeit.

„‚Die Dinge werden sich nie ändern‘, sagt ein jugendlicher Ghettobewohner aus Los Angeles im ‚Intro‘ und ‚Epilog‘. Auch im ‚Hauptteil‘ sind immer wieder Verweise auf die Gegenwart (am Beispiel der Unruhen in Los Angeles nach dem Rodney-King-Prozess) zu finden. Wir wollen zeigen, dass es keine heile Welt geben kann, solange es Menschen gibt“, lautet Ernst Horns düstere Prognose. „Unser Bild von der empfindsamen, unschuldig reinen Mittelalterwelt ist nur ein schöner Traum. Aber auch Träume sind wichtig!“

Das Debütalbum beschäftigte sich noch vorwiegend mit dem zeitlosen Themenkomplex Liebe, Tod und Leidenschaft. Für „Qntal II“ suchte man nach weiteren Themen, die im Mittelalter ebenso eine Bedeutung haben wie in der Neuzeit.

„Neben dem Bezug zur Gegenwart war uns, wie auf ‚Qntal‘ die oben erwähnte Bandbreite wichtig: das geht von der Schilderung eines historischen Ereignisses (die Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer) über mystische Texte wie die beiden Gedichte von Abelard oder die Zaubersprüche aus den ‚Carmina Burana‘ bis hin zu Liebesliedern wie das Frühlings- und Herbstlied.“

Waren die geeigneten Texte erst einmal gefunden, ging es an die musikalische Transformation, die vielleicht die größte Herausforderung für Qntal gewesen ist.

„Im Vergleich zu modernen Texten ist es schwieriger, eine musikalische Umsetzung zu finden. Bei moderner Musik entstehen die Melodie und das Arrangement oft zusammen mit den Lyrics und beeinflussen sich gegenseitig“, weiß Ernst. „Bei Qntal haben wir es mit fertigen, sehr alten und manchmal nur schwer verständlichen Texten zu tun, bei denen sich eine bestimmte musikalische Umsetzung nicht automatisch anbietet. Aber gerade in der Fremdartigkeit der Texte liegt der große Reiz und auch die musikalische Freiheit bei Qntal.“

Die erwähnte musikalische Freiheit wird bei Qntal weiterhin groß geschrieben. Trotz des vielleicht etwas überraschenden Erfolges der Debüt-CD haben sich Qntal nicht unter Druck setzen lassen und erneut ungewöhnliche musikalische Ausdrucksformen gesucht und der momentan so beliebten Versuchung widerstanden, „sadogregorianisches Mönchsgestöhn mit esoterischem Elfengesülze zu ‚Geld her‘-Loops“ zu verbinden, wie Ernst es ausdrückt.

Wenn auch die allgegenwärtigen pastoralen Choräle außen vor bleiben, die heutzutage stets bemüht werden, um irgendwelche verschüttet geglaubten religiösen Bedürfnisse befriedigen zu wollen, kommen Qntal bei der Beschäftigung mit dem Mittelalter an religiösen Themen nicht vorbei.

„Religiöse Aspekte spielen wohl in jeder Kultur zu jeder Zeit eine große Rolle, selbst in der Gegenwart. Im Mittelalter war der Glaube an die Existenz Gottes eine Gewissheit, ähnlich dem heutigen Glauben an die Gültigkeit von Naturgesetzen, und so wie heute das naturwissenschaftliche Denken praktisch alle Lebensbereiche durchdringt, genauso spielte vor 600 bis 800 Jahren die Religion überall, vor allem in der Musik, der Literatur und er Malerei eine allgegenwärtige Rolle“, meint Ernst.

„Wenn man sich mit dem Mittelalter beschäftigt, muss man sich zwangsläufig auch mit den Religionen, vor allem dem Christentum, dem Islam und dem Judentum beschäftigen. Man kann aber die Art von Religiosität, wie sie im Mittelalter praktiziert worden ist, nicht verstehen, wenn man einfach die Maßstäbe vom rechten Glauben anlegt.“

Und Sigrid fügt hinzu: „Man darf die Religiosität der Menschen des Mittelalters nicht unbedingt mit unseren heutigen Maßstäben messen. Religion bedeutete für sie nicht nur, sonntags in die Kirche zu gehen, sondern die Existenz Gottes war für sie - heute würde man sagen - eine naturwissenschaftliche Tatsache. Das heißt, dass das Leben des Einzelnen vollkommen dem Willen Gottes unterworfen war und darin hatte er sich zu fügen. Wir begreifen das heute leicht als ‚Einschränkung der persönlichen Freiheit‘, dafür empfand man sich früher mit dem Kosmos vereint, und das gibt ja auch eine Form von Freiheit: man ist nicht so abhängig von allen kleinen Alltäglichkeiten, Eitelkeiten, Auseinandersetzungen usw. Insofern verändert sich natürlich auch die Einstellung zu Liebe und Tod, die vor diesem Hintergrund ganz anders erlebt werden.“

Aufmerksame Leser werden es bereits mitbekommen haben, dass Deine Lakaien zusammen mit Qntal im Frühjahr nächsten Jahres auf Tour gehen werden. Das besondere daran ist, dass Qntal nicht im Vorprogramm der Lakaien auftreten, sondern beide zusammen auf der Bühne spielen werden. Wie sich das genau abspielen wird, wissen Qntal noch nicht, aber man darf sich gewiss auf ein besonderes Live-Ereignis freuen.

Dirk Hoffmann


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