„Forest Enter Exit“ - Feature
mit dem Musikmagazin NEW LIFE im November 1993

Im Wald zwischen Traum und Wirklichkeit

„Popstars wollen wir hier nicht!“ Mit diesem Satz wurde Alexander Veljanov kürzlich in einer Discothek begrüßt. Dies, was Independentbands aus Deutschland wohl eher selten passieren dürfte, macht vielleicht schon den Sonderstatus deutlich, den Deine Lakaien in den letzten Jahren eingenommen haben. Ebenso die Vorbereitungsmöglichkeiten, die sich mir vor dem Interview mit der Band eröffneten, zeigten eindrucksvoll, was die letzten Jahre für die Band bedeuteten: Nahezu jede Musikzeitschrift auf dem Independentsektor gab Artikel über Artikel über dieses scheinbar so neuartige Phänomen zum Besten.

Galten Deine Lakaien mit ihrem 1986 veröffentlichten Debüt LP noch als Geheimtip der deutschen Wave- und Undergroundszene, so avancierten sie in den ersten drei Jahren dieses Jahrzehnts immer mehr zu deren Protagonisten, Lieblingskindern und Aushängeschildern. Waren die Hörer der Band anfangs ausschließlich noch die kreuzumhangene Gruftiklientel, so konnte die Band in den letzten zwei Jahren auch immer mehr Fans aus allen Teilen der links-alternativen Szene für sich gewinnen, sogar bis zu Teilen des Radiopop gewöhnten Teenagerpublikums vordringen.

Die Bestandteile dieses Duos sind noch immer zum einen der oben benannte Alexander Veljanov sowie der klassisch geschulte Musiker Ernst Horn, die in ihrem Produkt eine Einzigartigkeit von dunkelromantischer Elektronikmusik mit eindringlichem, stets unverkennbaren Gesang verkörpern.

Nach dem Debüt LP und dem Erfolgsalbum „Dark Star“, erschien mit „Forest Enter Exit“ nun die dritte reguläre Studio LP der Band (Mini LP „2nd Star“ und das „Dark Star Live“ Album nicht mitgerechnet), und auch alle Songs dieser LP führen den Lakaieneigenen Stil fort, einer zwischen anspruchsvollen Pop und modernisierter Klassik, verträumter Sehnsucht und maschineller Aggressivität wandelnden Musik, für die sich vorschnell kein Stempel einer bekannten Band finden läßt, um ihr diesen unweigerlich als deutlich hörbare Einflußquelle aufzudrücken.

Mit „Forest Enter Exit“ als Gesamtwerk schaffen es Deine Lakaien, ihren selbstkreierten Stil nicht untreu zu werden und trotzdem eine sehr heterogene Platte abzuliefern, deren Lieder zwar eine einheitliche Grundstimmung besitzen, aber in der musikalischen Ausführung so unterschiedlich wie nur möglich sind. Eher leicht zugängliche Wave-Pop Songs wie „Contact“ und „Don´t Wake Me Up“, die potentielle Undergroundhits in sich bergen, stehen experimentellen, strukturell verspielten Stücken wie „Nightmare“ und „Follow Me“ gegenüber. Verträumte Balladen wie „Forest“ und „The Walk To The Moon“ stehen im krassen Gegensatz zu stringenten Elektroniksongs wie „Resurrection Machine“ und „Brain Fic“. Doch trotz allem wirkt das Album nicht zerrissen…

„Resurrection Machine“? [Man kann sich auf solche Heilsbotschaften*] stürzen und dabei vergessen, daß dabei nichts verändert wird in ihrem eigenem Leben, daß es in Enttäuschung enden muß. Du wirst eine glückliche Liebesbeziehung niemals ersetzen können durch ein maschinensimuliertes Glücksgefühl. Das kann vielleicht für einen Augenblick funktionieren, aber wenn die Maschine abgeschaltet ist, ist es wieder aus.

Dieses Thema, mit dem Deine Lakaien das Terrain der Gesellschaftskritik betreten, zieht sich durch das gesamte Album hindurch und so sind die speziellen Inhalte, mit denen sich die Lieder auseinandersetzen der Grund für das Bewegen einzelner Songs in bestimmte musikalische Richtungen.

Ernst Horn erzählt: „Wir haben uns ganz unterschiedliche Traum-, Vorstellungs- und Fiktionssituationen herausgesucht und dementsprechend sind dann auch die Stile oft ganz anders gekommen. Ein Stück wie „Resurrection Machine“ verlangt etwas, das mit Maschine zu tun hat, und auch etwas, das vielleicht mit etwas Archaischen, mit Religion zu tun hat. Es heißt ja auch Wiederauferstehungsmaschine, also etwas Künstliches und von daher hat sich das ergeben. Es sollte ein maschineller Rhythmus sein, es sollte eine gewisse Stimmung haben, die etwas aus diesem Umfeld hat. Da sind z. B. auch tibetanische Posaunen drin (lacht). Das sind Dinge die einfach gepaßt haben. Dieses grundsätzliche Konzept, das wir hatten, die Platte über Traum und Wirklichkeit zu machen, bringt das mit sich, glaube ich. Der individuelle Traum vom Liebesglück, aber auch solche wahnsinnigen Cyber-Welten.“

Die von Ernst Horn angesprochene Up-Tempo Nummer „Resurrection Machine“ ist ein tekknoinfizierter Dancefloor Song, bei dem sowohl Melodie- als auch textfragmente aus dem Deine Lakaien Song „Reincarnation“ ein Song, der sich, so Ernst, „mit einer religiösen Idee auseinandersetzt“, so beinhaltet das hypnotisch-monotone „Resurrection Machine“ dieselbe Idee, „nur ist es von der heutigen Warte aus gesehen, daß du letztendlich auch solche metaphysischen wie Wiedergeburt künstlich herstellen könntest.“

Mit dieser Idee bezieht sich Ernst auf den polnischen Schriftsteller Stanislaw Lem, der in einer Episode einer seiner Kurzgeschichten diese Wiederauferstehungsmaschine beschreibt. Ernst erläutert, was für ihn die Faszination an dieser Idee ausmacht: „Es geht um dieses Gefühl zu sterben, dieses finale Erlebnis zu haben, aber mit dem Bewußtsein: Man kann sich künstlich wieder zusammensetzen. Das ist theoretisch eigentlich alles denkbar.“

In den Texten von Deine Lakaien taucht der Himmel mit all seinen Bestandteilen immer wieder als zentrales figurelles Mittel auf. Sei es der viel beschwörte „Dark Star“ oder auch „The Walk To The Moon“ auf der neuen Platte. Alexander erklärt: „Der Himmel ist ein Synonym für etwas Greifbares und doch nicht Greifbares, für Träume, für ein besseres Leben. ´Forest Enter Exit` heißt ja auch, daß der Wald für eine Welt als solche steht. Du kannst dich dort verlaufen, dich finden, du kannst dich auch verlieren…?? Schöne, ganz einfache Symbole. Das ist bei uns auch so eine Ambivalenz, daß es z. T. ziemlich komplizierte Inhalte sind, aber trotzdem eine ganz einfache Sprache haben und mit diesen ganz einfachen Bildern arbeiten, wie Himmel, Wasser Wandern. Das ist speziell bei meinen Sachen unbedingt ein Einfluß von Schubert.“ Alexander ergänzt: „Das Wort Himmel steht ja eigentlich auch für das Thema der Platte: Traum und Wirklichkeit. Im Englischen gibt es ja ´Heaven` und ´Sky` und im deutschen gibt es diese Unterscheidung ja so nicht. Eine Zeile in ´Follow Me` heißt ja auch ´Have you ever been in heaven, I don´t talk about the sky`. Dieser Unterschied, diese Vorstellung von Himmel (heaven) und das was man sieht (sky).“ Ernst grinst und meint: „Genau, drum singen wir nicht deutsch.“

„Follow Me“ ist ein Stück, das, ähnlich wie „Nightmare“ von einem Hoch ins Tief und wieder zurück gleitet und bei dem Alexanders phantastischer Gesang sowohl die ruhigen Parts einfühlsam als auch die an einem Walzer angelehnten dynamischen Abschnitte mit der notwendigen Dramatik intoniert. So heterogen wie die Platte als Gesamtwerk erscheint, wirkt „Follow Me“ in sich selbst. Es überrascht durch Experimentierfreude und strukturellen Abwechslungsreichtum. Alexander zu „Follow Me“: „Es geht darum, daß jemand sich so sehr in die Vorstellung des perfekten, übermenschlichen Liebhabers hineinsteigert, daß er wirklich das Gefühl bekommt: Der kommt jetzt! Und dann erscheint er auch im Refrain. Es ist auch diese Angst, daß man sich etwas so sehr wünscht, aber da ist doch immer wieder dieses abwechselnde Regieren von Gefühl und Intellekt in einem… Man will oft die Gefühle einfach siegen lassen, aber man den Intellekt eigentlich nur ganz kurz abschalten. Immer wieder weiß man auch, daß man sich etwas vormacht.“

Nachdem der Verlauf des „Dark Star“ Albums „gute fünfstellige zahlen“ (so Alexander) erreichte, waren die Vorzeichen für die Produktion der neuen Platte denkbar verschieden zu denen der vorherigen Produktionen. War die erste LP noch in eigener Regie produziert, finanziert und vertrieben, und so ohne jegliche Erwartungen oder Erfolgsdruck entstanden, so bot sich bei der Produktion von „Forest Enter Exit“ das genaue Gegenteil. Hörer, Presse und Label stellen natürlich eine gewisse Erwartungshaltung an das neue Werk von Deine Lakaien. Doch Ernst und Alexander wollen einem gewissen terminlichen Druck von Erfolgsdruck nichts gespürt haben. Ernst Horn dazu: „Also, wir müssen natürlich damit rechnen, daß das Ganze jetzt kritischer beäugt wird, als Platten, wo wir Newcomer waren. Und auch diese überfüllte Szene, in der es diesen Konkurrenzkampf gibt. Aber sonst? Man macht seine Stücke und basta! (lacht) Ich kann das nachvollziehen, daß der Erfolgsdruck bei anderen Bands da ist. Es gibt dann auch sehr viele Leute, die einem einreden, wenn es Bands sind, die mit Produzenten arbeiten und vom Label beraten werden. Das gibt es sicher. Jetzt bei Nirvana zum Beispiel. Das ist ja ein ungeheurer Druck (lacht).“ Alexander fügt hinzu: „Wir sind ja auch nicht wie die Jungfrau zum Kinde gekommen. Wir arbeiten seit acht oder neun Jahren zusammen, sind musikalisch natürlich „alte Hasen“, obwohl wir als Newcomer gelten.“

War der Band denn immer wohl zumute, zu sehen wie sie innerhalb so kurzer Zeit so hochgejubelt und gefeiert wurden? Alexander: „Man muß das alles relativ sehen. es verändert sich schon einiges, aber ich finde es ist noch relativ nachvollziehbar. Ich werde natürlich öfter erkannt und angesprochen, positiv und negativ. Damit muß man natürlich auch umgehen. Wenn man in eine Disco reingeht und dann kommt ein Spruch: Popstars wollen wir hier nicht. Aber ich denke, wir sind wirklich noch eine Independentband, eine erfolgreiche zwar, aber…“

Ernst meint: „Da könnten 50 000 Leute unten irgendwo schreien wie die Verrückten. Ich würde trotzdem merken, was Scheiße war, wenn ich wieder irgendetwas falsch gemacht habe am Mischpult oder an den Keyboards.“

Ein Grund für den Erfolg von Deine Lakaien ist sicher auch das musikalische Potential, das in Ernst Horn schlummert sowie die Ausnahmeerscheinung seiner Person. Als einiger der wenigen Musiker mit musiktheoretischen Kenntnissen bedient er sich der vielfältigen Mittel der Technik. Wie erklärt er sich diese Art von Konservatismus ausgebildeter Musiker und was macht für ihn der Reiz aus?

Ernst Horn: “ Das ist grundsätzlich ein Problem, daß es relativ wenige Musiker gibt, die sich vielleicht aus ganz verständlichen Gründen, nicht so mit der Technik auseinandersetzen. Das ist aber auch bei vielen Rockmusikern so, daß sie das ablehnen. Es gibt auch Synthesizermusiker, die sich damit gar nicht beschäftigen und nur ihre Werksounds abrufen. Dann gibt es auch die andere Seite, die sich sehr viel mit Technik beschäftigen, aber musikalisch große Lücken haben. Es sind vielleicht gar nicht so viele, die sich für beide Seiten gleich interessieren. Ich würde das aber auch nicht ´hochhängen`. Das sind vielleicht ganz niedere Instinkte (lacht).“

Zu einem Teil haben auch Deine Lakaien zu einer Emanzipation der deutschen Independentmusikszene beigetragen. War deutschen Bands die Anerkennung durch Presse und Publikum vor wenigen Jahren nur in den seltensten Fällen beschert, so sieht dies heute bedeutend anders aus. Die Tatsache erfreut auch Alexander Veljanov, der erzählt, daß auch gelegentlich Bands an ihn herantreten und von einer besseren Ausgangsposition für sie berichten: „Mich hat ja auch nicht der liebe Gott so gemacht, sondern auch Bands, die ich bewundert habe.“

Als Einflußquelle, aber auch als Blüte der stetig wachsenden deutschen Undergroundszene werden und Deine Lakaien wohl noch länger erhalten bleiben. Eine 24 Konzerte umfassende Tour steht an, vielleicht wollen die beiden sich demnächst an einer Coverversion eines unbekannteren Stückes versuchen, Alexander würde es reizen, auch einmal mit einer Sängerin zu arbeiten und schließlich gesteht er, angesichts der Tatsache, daß nur neun neue Songs in den letzten zwei Jahren veröffentlicht wurden, auch ein: „Wir haben noch einiges in der Schublade.“
Wir warten.


Timo Hoffmann

*fehlender Text ergänzt, Anm. d. Herausg


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