Traum und Wirklichkeit!
Deine Lakaien, Forest Enter Exit (Interview Subline 11/1993)

„Forest Enter Exit“ heißt das brandneue Werk des wohl renommiertesten Darkromantik-Duos Alexander Veljanov und Ernst Horn. In typischer „Lakaien“-Manier und erweitertem Soundspektrum entführt uns es in magische, geheimnisvolle Wälder - die in der digitalen Retorte des Cyberspace entwickelt und vom Cyberpunk erlebt werden. Erst die Computertechnik macht uns bewusst, daß es keine feste Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit gibt. Deine Lakaien über ihre ereignisreiche Reise ins Zentrum des Bewußtseins.


Zwei Jahre habt ihr für ein neues Studioalbum gebraucht. Das ist vergleichsweise lange, doch wenn man bedenkt, daß jeder von euch eigene Projekte verfolgt, und daß ihr zusammen ausgiebig Touren mit variierendem Live-Programm absolviert, relativiert sich diese Ansicht. Seit ihr „Workaholics“? Wieviel Zeit investiert ihr in eure Musik?

Alexander: Die letzten zwei Jahre waren ein Full-time-Job. Aber unsere Aktivitäten halten sich noch in einem gesunden Rahmen, wir arbeiten uns nicht kaputt. Unsere neue Platte klingt auch dementsprechend frisch und nicht etwa ausgepowert.

Ernst: Ich bin kein „Workaholic“. Die Produktion von „Forest Enter Exit“ hat ungefähr ein Dreivierteljahr gedauert, indem wir so ziemlich jeden Tag daran gearbeitet haben.

Euer neues Album befaßt sich mit der Ansicht, daß die Unterscheidung von Traum und Wirklichkeit eine subjektive ist, die von uns selbst gesetzt wird. Wie kamt ihr zu diesem Thema?

Ernst: Wir kamen zunächst einmal auf das Thema Traum und Wirklichkeit, weil man das sehr emotional besetzen kann. Für mich persönlich stellt es auch die Möglichkeit dar, sich neu zu einem subjektiven Gefühl zu stellen, indem ich alle Wahrnehmungen als reine Gehirnprojektionen relativiere. Ich habe schon oft an solche Dinge gedacht und vieles über das menschliche Bewußtsein gelesen. Es gibt ja heute viele Forschungen über den Bereich der menschlichen Wahrnehmung, die zu dem Ergebnis kommen, daß letztendlich alles durch das Gehirn konstruiert wird. Das, was man als Wirklichkeit empfindet, ist also das, was im Gehirn entsteht. Alles ist demnach subjektiv.

Insofern löst sich bei uns die Unterscheidung solcher Begriffe wie Intellekt und Gefühl einfach auf. Traum ist natürlich auch ein sehr aktuelles Thema, weil sich sehr viele mit diesen virtuellen Realitäten beschäftigen. Wir haben diese Dinge als das dargestellt, was sie letzten Endes sind, wenn man vom Modell der vom Gehirn konstruierten Wirklichkeiten ausgeht: der Weg zu sich selbst.

Welche Rolle spielt dabei das Symbol des Waldes, das ihr für den Titel gewählt habt?

Ernst: Der Wald ist ein Symbol, mit dem sehr viele romantische Vorstellungen verknüpft sind. Mit dem Titel „Forest Enter Exit“ haben wir diese Assoziation gegen Begriffe aus der Computerwelt gestellt. Der Titel „Forest“, der in etwa das Leitthema des Albums darstellt, handelt von einem simulierten Wald. Jemand begibt sich in diesen Cyberspace und verliert sich darin. Am Ende merkt er, daß er auch in dieser künstlich erzeugten Welt eigentlich nur sich selber sucht, und findet sich dann in einer Art „Leerraum“ wieder.

Man hat im Gehirn ein Loch entdeckt, eine Stelle, an der nichts ist. Der zur Zeit prominenteste Mann, der sich mit Cyber und künstlicher Intelligenz befaßt, Marvin Minsky, hat sich in einem Vortrag einmal über dieses Loch lustig gemacht. Mich hat diese Tatsache sehr inspiriert, und ich fand, daß diese Stelle wohl die interessanteste ist, das eigentliche Ich, wo letztlich alles hinführt. - Aber das kannst du nicht einfach alles so abdrucken, oder; das ist ein bißchen viel gewesen, gell? (lacht)

Das war ein ausladender Vortrag. Schau´n wir mal. Möchte Alexander vielleicht noch etwas ergänzen?

Alexander: Puh, wie war die Frage nochmal? (lacht) Wir werden ja immer als gefühlsbetonte, romantische Band gesehen. Da passen die Themen Wald und Traum ganz gut, doch wir wollten das einfach etwas relativieren, indem wir diese Ideen mit künstlich erzeugten Welten, mit dem, was heute technisch möglich ist, kombinieren.

Bei allen Studio-Alben, der LAKAIEN gab es bisher Überraschungen, so auch dieses Mal. Ganz allgemein gefragt: Gehört es zu eurem Selbstbild, immer neue Ausdrucksmöglichkeiten zu finden?

Alexander: Auf jeden Fall. Wir werden ja auch durch alles beeinflußt, was um uns herum geschieht, seien dies nun musikalische oder politisch-gesellschaftliche Dinge. Außerdem versuchen wir immer auch, das in den Medien vorherrschende Schubladendenken zu irritieren. Und das gelingt ja ganz ordentlich, denn wir werden von immer mehr Leuten als selbständige Band angesehen, die man nicht einfach klassifizieren kann. Natürlich besteht dabei die Gefahr, daß man Fans, die nur diese dunkle, romantische Seite in uns sehen wollen, mit Stücken wie „Resurrection Machine“ oder „Brain Fic“ vor den Kopf stößt.

Nach welchen Kriterien entscheidet ihr, in welche Richtung eure Musik jeweils gehen soll? Wird das vorher geplant?

Alexander: Nein. Dazu sind wir viel zu unabhängig von den marktstrategischen Gesetzen. Wir können auch vorher gar nicht beurteilen, was ankommt und was nicht. Die Änderungen werden weitestgehend durch die Themen der jeweiligen Stücke vorgegeben.

Mit „Forest Enter Exit“ habt ihr euch gleich in zwei Richtungen weiterbewegt. Auf der einen Seite gibt es orchestralere Momente, auf der anderen bisweilen harsche Industrial-Töne. Das klingt wie eine Synthese aus deinem zweiten Projekt Qntal und deinem Soloalbum „The Skies Over Baghdad„…

Ernst: Danke, Danke (lacht).

…Hast Du diese unterschiedlichen Erfahrungen hier bewußt einfließen lassen?

Ernst: Eigentlich nicht. Sicher gibt es Passagen, die auch von Qntal sein könnten, aber es gibt auch Einflüsse von Run Run Vanguard (Alexanders zweiten Projekt, J.A.) Der Gesang von „Contact“ oder „Resurrection Machine“ z. B. geht ja weit über das hinaus, was wir auf der „Dark Star“- LP hatten. Eigentlich sind die LAKAIEN immer etwas ganz anderes. Aber teilweise hast du recht, „Resurrection Machine“ enthält tatsächlich einige Sounds von Qntals „Black Death“ - aber dieses Stück hat auch ein ähnliches Thema.

Sind Gastmusiker bei der Produktion dabei gewesen?

Ernst: Nein, das Album ist eine reine Studioproduktion.

Wer hat dann die Backgroundstimmen bei „Mindmachine“ gemacht?

Ernst: Richtig, das müssen wir noch aufs Cover schreiben. Da haben wir Vocal-Samples der Qntal-Sängerin Sigi Hausen eingebaut.

Du hast zum ersten Mal auch längere, komplexere Instrumentalpassagen ins Spiel gebracht, die schon beinahe konzertanten Charakter haben. Ist das eine ganz normale musikalische Entwicklung von dir, oder glaubt ihr, dem Hörer inzwischen mehr abverlangen zu können?

Ernst: Das wäre eine schöne Entwicklung, um die ich mich eigentlich schon immer bemüht habe. Vielleicht ist das früher nicht so gelungen. Aber ich kann das selbst gar nicht so richtig beurteilen.

Bei allen Veränderungen, die von Album zu Album zum Tragen kommen fällt doch eines als gleichbleibend auf: die Gesangslinien sind oft nur sehr einfache Tonleitersequenzen…

Ernst: Aha! Das ist mir noch gar nicht aufgefallen. Also da muß ich ja wirklich mal die Stücke auf das hin abklopfen. Das ist ja regelrecht beunruhigend, was du da sagst (lacht).

…Ist das ein bewußt eingesetztes Stilmittel, an dem sich der Hörer womöglich „festhalten“ soll, um in den dichten Harmoniegefügen nicht „unterzugehen“?

Ernst: Nee, eigentlich nicht. Sicher haben wir den Wunsch, bei jedem Lied eine gewisse Einfachheit zu erreichen. Alexander, sag´ du mal was dazu.

Alexander: Soll ich jetzt böse sein? (lacht) Nein, mir geht es um den Wiedererkennungswert der Stücke. Vielleicht hört man das bei der Stimme deutlicher als im Arrangement, weil sie mehr im Vordergrund steht. Und, ehrlich gesagt, finde ich es schrecklich, wenn ein Sänger oder z. B. auch ein Gitarrist in einem einzigen Stück beweisen muß, was er alles „drauf“ hat.

Wie auch beim letzten Album wollt ihr das Material wieder mit klassischen Gastmusikern auf einer ausgiebigen Tour im November und Dezember vorstellen. Bei eurem damaligen Material war das noch recht einfach vorstellbar und realisierbar. Wie löst ihr das Problem, die härteren Stimmungen und Industrial-Sounds mit Klassik und mittelalterlichen Instrumenten zu verbinden?

Alexander: Wir werden wieder mit den gleichen Musikern, mit M. Popp und Ch. Komorowski auftreten. Für uns ist es eine große Herausforderung, auch die Stücke mit den härteren Sounds live spielbar zu machen. Wir werden uns viel Zeit für die Proben vor der Tour nehmen und so lange experimentieren, bis wir mit dem Ergebnis zu frieden sind. Was die Verbindung von Industrial und Klassik betrifft, gibt es ja ungeahnte Möglichkeiten. Man kann zum Beispiel eine Geige mit Effektgeräten zur Maschine machen. Da sehen wir keine Probleme.

Viele eurer dancefloor-orientierten Stücke würden meiner Ansicht nach mit einem echten Schlagzeug wesentlich überzeugender klingen. Auch live. Warum macht ihr das nicht?

Alexander: Das ist ein personelles Problem und eine Geldfrage; man muß dann mit noch mehr Leuten auf die Bühne gehen.

Wie realisiert man das, einen Schlagzeuger für drei, vier Stücke mit auf Tour zu nehmen? Grundsätzlich ist alles möglich. Ich kann mir durchaus vorstellen, DEINE LAKAIEN auch mit echtem Schlagzeug zu präsentieren, obwohl ich nicht sicher bin, ob das wirklich eine Bereicherung wäre.

Ernst: Ich sehe das nicht so. Man kann natürlich alles ausprobieren, aber ich bin sehr skeptisch. Für mich ist gerade das Maschinelle ein wichtiger Faktor. Mit einem echten Schlagzeuger und einem Bassisten, den man dann dazunehmen müßte, wäre die Basis der Stücke eine völlig andere. Unsere Musik soll ja gerade eine Mischung aus diesen Technoelementen und sehr Weichem sein, das ist unser Stil.

Eure Studioarbeiten scheinen bis ins letzte Detail ausgearbeitet zu sein. Wenn man aber eure Livedarbietungen verfolgt, dann ändern sich die Stücke permanent. Ist das nicht ein Widerspruch, Komposition und Improvisation? - Man stelle sich ein Strawinsky-Stück mit improvisierten Passagen vor!

Ernst: Die Struktur von Popsongs - und das ist es, was wir letztendlich machen - erlaubt es einfach, daß man Freiräume schafft und ausnutzt.

Wir ändern sehr oft unsere Stücke. Das macht uns Spaß, das ist unsere Auffassung von Live-Spiel, hier werden spontane Sachen möglich. Und in gewisser Weise ist es ein Ausgleich zu der strengeren Studioarbeit.

Ist da noch keine Majorfirma an euch herangetreten, oder habt ihr bestimmte Gründe, deren Angebote abzulehnen?

Alexander: Sicher gab es immer wieder Angebote und Nachfragen von Majorfirmen. Wir haben ganz bestimmte Vorstellungen darüber, wie wir arbeiten und welche Kompromisse wir eingehen wollen. Wir sind nicht grundsätzlich gegen einen Major, aber zur Zeit sind diese Firmen sehr konservativ. Sie warten immer nur ab und hecheln bekannt gewordenen Bands hinterher.

Ich denke, man kann auch vernünftig fusionieren. Sollte es wirklich eine Majorfirma geben, die uns auf jeden Fall haben will und uns Möglichkeiten eröffnet, die ein kleines Label uns nicht bieten kann, wären wir auch zu einem Wechsel bereit, ohne damit jemanden zu verraten. Doch wie gesagt, unsere Kompromissfähigkeit hält sich sehr in Grenzen.

Ich danke euch für das Gespräch.

Joe Asmodo


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