Alexander Veljanov - Interview
im Musikmagazin NEW LIFE

Über Deine Lakaien viele Worte zu verlieren ist zwecklos. Seit zehn Jahren im Geschäft, eine der populärsten und modernsten Electro-Bands Deutschlands. Ernst Horn und Alexander Veljanov hatten sich 1995 wohl nicht gedacht, daß Deine Lakaien inzwischen die Lieblinge nicht nur der deutschen Alternativ-Magazine sind, sondern und vor allem die Lieblinge der Fans. Es wäre keiner anderen Electro-Band gelungen, mit einer Akusik-Tour die Hallen zu füllen. Nachdem ihr Album „Winter Fish Testosterone“ schon genug der Würdigung im letzten New Life (Platte des Monats) erfahren hat, steht das nächste Großereignis in Form einer Tour. Zusammen mit Qntal geht es durch Europa. Da Qntal und Deine Lakaien fast das gleiche Line-Up haben, bedeutet das für Ernst Horn und Michael Popp eine große psychische Belastung. Wir hoffen, daß sie ihr gewachsen sind, denn dann ist uns große Musikkunst vergönnt. Alexander Veljanov im Gespräch mit New Life über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.


NL: Es ist ja ein seltenes Ereignis, daß Deine Lakaien ein Studio-Album herausbringen. Was habt ihr in fast drei Jahren außer Touren gemacht?

A.V.: Na ja. Ganze drei Jahre sind es ja nicht ganz. Was haben wir drei Jahre lang gemacht? Wir machen Touren, proben, schreiben Songs und wir streiten uns heftig (lacht). Du weißt ja selber, Qntal gibt es, Estampie gibt es und Run Run Vanguard gab es, es gibt ein Soloprojekt von mir, was noch nicht bekannt ist und es gibt Das Holz. Ernst macht Hörspiele und ich arbeite auch mit anderen Leuten in anderen Bereichen, was für mich auch zum Musikdasein gehört. Das ist auch wichtig, weil wir müssen ja auch nach zehn Jahren den Hunger auf Deine Lakaien haben. Die Platte hat wahnsinnig Spaß gemacht und wir sind scharf darauf auf Tour zu gehen. Erst mal zu proben, weil wir selbst noch nicht wissen, wie die Songs live gespielt werden. Mal gucken, was die einzelnen Songs für Instrumente bekommen.

NL: Wie ist Euer Arbeitsprozeß? Geht Ihr in das Studio und nehmt in drei Wochen oder drei Monaten die Platte auf, oder sind die Songs in den letzten Jahren nach und nach entstanden?

A.V.: Es ist unterschiedlich. Die Basis sind immer die Texte. Die Musik steht zu den Texten, deswegen wissen wir vorher nie, wie die Platte klingen wird. Ich hätte nicht gedacht, daß die Platte so klingen wird. So abwechslungsreich, ich will schon fast sagen provokativ. Die erste Arbeit ist das ewige lange, lange sampln. Ernst Horns Sample-Bibliothek besteht aus 100% selbstgemachten Samples, also Du wirst keinen Lakaien-Sample auf einer anderen Platte hören. Das ist sehr viel Arbeit und sehr zeitintensiv. Und da bin ich außen vor, weil ich nichts damit zu tun habe und auch nicht unbedingt ein Freund von Synthesizern bin. Ich versuche halt möglichst viele Texte und Geschichten zu sammeln. Er macht auch Texte, aber diesmal habe ich mich hauptsächlich mit den Lyriks befaßt. Dann kommt man von einem Punkt auf den anderen, und merkt nicht wie die Zeit vergeht.

NL: Die Platte klingt sicher auch abwechslungsreich, weil die Songs in verschiedenen Zeitabständen entstanden sind.

A.V.: Die Texte ja. Die Songs haben wir eigentlich an einem Stück gemacht. Wir haben auch diesmal komischerweise ziemlich ohne Diskussionen gearbeitet, was früher nie der Fall war, weil wir uns eigentlich immer über musikalische Fragen gestritten haben.

NL: Gehst Du mit Deinem Text zum Ernst und sagst: „So, jetzt mach mal?“

A.V.: Teilweise. Er liest sich den Text durch und wenn er das Gesicht verzieht, sage ich: Dankeschön. Wenn er ihm gefällt, sage ich z.B. Grundstil Ballade oder was auch immer, Dann versuche ich ihm den Grundaufbau der Verse und Strophen klar zu machen. Dann muß man erst mal die einzelnen Blöcke sortieren und diskutieren, welche man länger macht oder kürzer usw., Dann entsteht etwas. Entweder habe ich eine Melodie im Kopf oder Vorschläge für die Ästhetik, was die Instrumentierung betrifft. Dann geht es ans Klavier. Dann überlegt man sich, ob man Backing-Vocals macht, welche Harmonien, ob man es ganz schlicht läßt usw. Oft werden ewig lang Melodien verändert und da sind unsere Geschmäcker ganz verschieden. Da muß ich argumentieren und er auch und zum Schluß hat man ein Ergebnis. So kann es passieren, daß man einen Text hat und zwei Songs wie z.B. „My winter“ und „My spring“. Natürlich wollten wir es auch als Klammer für die Platte haben.

NL: Das Album ist für heutige Verhältnisse sehr kurz. Aus wieviel Songs wählt ihr das Material des Albums aus?

A.V.: Vieles wird nicht fertig gemacht. Es ist meistens so, daß das, was fertig produziert wurde, auf der Platte zu finden ist. Ab und zu ist ein Stück aus unterschiedlichen Gründen gedropt worden. Diesmal ist alles drauf, was in der Produktionsphase entstanden ist, Am Schluß war die eine oder andere Unstimmigkeit, und wir heben dann noch mal zwei Nächte und Haare rauf… Am Schluß ist es dann immer nochmal spannend. Ist die Platte vielleicht doch zu abwechslungsreich, zu sehr provokant?

NL: Ist es nicht!

A.V.: Das ist immer die Frage, wie die Leute reagieren. Ich habe jetzt auf dieser Interview- Tour bemerkt, daß es zwei Gruppen innerhalb der Musikjournalisten gibt. Die einen sagen, das ist die bisher zugänglichste Deine Lakaien, und andere Leute wie z.B. Ecki Stieg hat zu mir gesagt, er hat bei dieser Platte länger gebraucht, als bei den anderen. Da sieht man wieder, wie unterschiedlich Musik aufgenommen wird.

NL: Ich glaube, das liegt auch an der Erwartungshaltung, die Du der Platte gegenüber hast. An Eurem neuen Album ist ja bemerkenswert, daß ein Track wie Testosterone für Eure Verhältnisse ultra-hart ist. Der Song erinnert mich an Nine-Inch-Nails.

A.V.: Danke. Ich bin es auch teilweise leid als der Düsterprinz dazustehen. Wir sind nicht nur „Love me to the end“ und „Lonely“. Wir haben auf der Platte „Away“. Das ist das, was viele Fans und Journalisten von uns erwarten. Dunkle, elegisch und romantische Musik.

NL: Das Album ist teilweise wütend.

A.V.: Das ist es ja. Wir machen keine autobiographischen Texte. Es geht um Stories. Wenn ich einen Typen wie den aus „Testosterone“ musikalisch präsentieren will, dann muß es scheußlich und hart sein. Natürlich ist man als Sänger nicht hundertprozentig graduable. Man hat ein Timbre und einen Stil. Man hat Erwartungen zu erfüllen. Von mir hat bestimmt keiner erwartet, daß ich diesen Song singe. Es kann sein, daß manche mich nicht in dem Song erkennen, wenn sie ihn hören.

NL: Ihr habt Euer Album nach Titeln geordnet. War das ein vorgefertigtes Konzept, oder ist das spontan entstanden?

A.V.: Der Titel ist während der Produktion entstanden. Wir hatten eigentlich vor, diese Platte im Jahreszeitenzyklus zu machen. Das ist im Laufe der Arbeit immer mehr in den Hintergrund getreten, das zu betonen. Wir haben die Songs nicht mehr in die Jahreszeiten eingeordnet. Das sollen sich die Leute selber heraussuchen, abgesehen von „My Winter“ und „My Spring“. Bei „My Winter“ hast Du einen Protagonisten, der in Selbstmitleid badet, weil er betrogen wurde. Und dann kommen die Geschichten, eine nach der anderen, die ihm erzählt werden und am Schluß nach den intensiven Geschichten muß der Typ sich relativieren und eingestehen, daß er am Anfang ein wenig übertreibt. Und ich finde es auch wichtig, daß wir den Leuten zeigen, daß wir uns selbst mit einem Augenzwinkern sehen. Daß wir nicht die superernsten und supertraurigsten sind. Das Image, das viele in uns hereininterpretieren. Und wir sind auch keine Todeskünstler und solch ein Quatsch.

NL: Habt ihr Angst, daß ihr Eure Fans überfordert?

A.V.: Hoffentlich nicht. Angst nicht, denn wir wollen sie ja fordern. Mit jeder Sache. Mit der Akustik-Tour hat es auch funktioniert. Natürlich nicht bei jedem. Oder Leute, die uns am Anfang hochgehoben haben , und uns als Szene-Götter gelobt haben. Und als dann nicht mehr 300 Schwarzkittel im Publikum waren, sondern 1000 buntgemischte, hieß es gleich Ausverkauf und Kommerz. Und das ist gerade für uns ein Grund, diesen Leuten das Maul zu stopfen, weil diese Platte ist nicht kommerziell. Es geht um Texte und es geht und Inhalte. Ich habe mir auch gedacht, nehmen uns das die Leute ab, machen sie sich lustig? Es kann ja sein, daß Leute, die die härtere Schiene wie Nine Inch Nails oder Ministry hören über einen Song wie „Testosterone“ lachen. Dann tut es weh, aber ich bin mir sicher, daß es uns geglückt ist.

NL: Fällt es Dir schwer, Dich in Leute wie den Typen aus „Testosterone“ hinein zu versetzten?

A.V.: Ich habe immer wieder betont, insbesondere zu den weiblichen Fans, ich bin nicht der, den ihr da sehen wollt. Ich bin ein Schauspieler und ich interpretiere Texte. Ich schlüpfe in Rollen. Wenn ich in „Love me to the end“ in einen Romeo schlüpfe, dann bin ich es nicht. Das müssen die Leute akzeptieren. Wenn ein Schauspieler den Mephisto im Faust spielt, dann denken die Leute auch nicht, der ist immer so. Ich will alles ausdrücken können. Ich will immer mehr können und immer mehr ausprobieren. Meine Stimme wird immer besser, weil ich immer arbeite. Durch Estampie z.B. habe ich ganz neue Erfahrungen gesammelt.

NL: Ich finde Euer neues Album ist Euer bisher emotionalstes Werk.

A.V.: Ja, eigentlich ist sie die emotional vielfältigste. Es ist bestimmt nicht die gefühlvollste Platte. Das ist die Platte mit der größten Gefühlspalette, da hast Du recht. Es geht um Wut, Trauer, Angst, Neid, Verfolgungswahn, sexuelle Geilheit bis hin zu der Arschlochnummer „Testosterone“.

NL: Wenn Du Eure Anfänge mit der Jetzt-Zeit vergleichst, bist Du dann verwundert oder sogar erschreckt über Eure Popularität?

A.V.: Ja. Allein die Tatsache, daß ich jetzt eine viertägige Interview-Tour mache. Ich habe gestern noch gesagt, bloß nicht nachdenken, reden, reden, reden. Auch wenn ich ins Bett gehe, bloß nicht nachdenken, schlafen. Das ist nicht real, das ist absurd, das ist wahnsinnig. Es ist eigentlich ein Geschenk. Es gibt so viele Musiker, die den Durchbruch nicht schaffen. Wir haben uns das hart erarbeitet. Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Es hat auch lange gedauert, denn die ersten fünf Jahre waren nicht so erfolgreich.

NL: Wie sieht es mit der bevorstehenden Tour aus? Wie ist Deine Erwartungshaltung?

A.V.: Ich bin gespannt, weil ich ja auch noch nicht arbeite. Die anderen arbeiten schon daran. Ich bin schon gespannt, ob es mit Qntal und Deine Lakaien zusammen klappt, denn es ist ja nicht Support und Hauptact, sondern es findet ein fließender Übergang statt.

NL: Was macht Alexander Veljanov in 20 Jahren?

A.V.: Ich hoffe, daß ich dann immer noch aktiv sein werde. Ob das nun singend oder schreibend sein wird. Es gibt viel zu tun, und ich habe noch unheimlich viel vor. Ich denke, daß Deine Lakaien, wie sie jetzt sind, auch in zehn Jahren funktionieren können, weil sie halt anders klingen werden.

NL: Danke für das Gespräch.

ME (2000)


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