KEYS Interview
Interview im Februar 2002

Düstermusik für den Untergrund? Von wegen!

Regelmäßig entern Deine Lakaien-Alben vorderste Positionen in den Charts.
Und das liegt nicht zuletzt am interessanten Sounddesign.
Wir haben Deine Lakaien in ihrem Münchner Studio besucht.

Deine Lakaien sind die großen alten Herren der deutschen Elektro-Wave-Szene. Seit 1985 begeistern Ernst Horn und Sänger Alexander Veljanov eine stetig anwachsende Fangemeinde. Waren Singles wie „Dark Star“ 1986 vor allem in der schwarzen Szene Clubhits (vor allem, wenn man bedenkt, daß der Song erst 1991 veröffentlicht wurde ;o), Anm. Jo), schaffte es das letzte Album „Kasmodiah“ von 1999 sogar bis auf Platz 4 der deutschen Album-Charts. Die gelungene Mischung aus Veljanovs expressivem Bariton-Gesang und den geschmackvollen akustischen und elektronischen Klängen von Horn, verpackt in meist schwermütigen Songs scheinen den Nerv einer breiten Masse zu treffen. Nicht zu überhören ist dabei, dass Horn ausgebildeter klassischer Musiker ist - Jahre als Opernkapellmeister, Dirigent und Komponist hinterlassen Spuren. Das neue Album „White Lies“ macht da keine Ausnahmen.
Wir haben Ernst Horn in seinem Münchner Studio getroffen und mit ihm über das neue Album von Deine Lakaien gesprochen.

KEYS: Wenn man Euer neues Album anhört, hat man das Gefühl, dass ihr Euch bewusst vor dem reinrassigen Popsong ziert…

Ernst Horn: Jeder macht natürlich seine Entwicklung durch und von daher wird es vielleicht irgendwann mal langweilig mit dem klassischen Songschema. Andererseits habe ich das Gefühl, dass wir früher soundmäßig schon schräger waren, vielleicht auch lauter. Ich empfinde diese Platte als sehr songorientiert und ein bisschen nachdenklicher und trauriger. Vielleicht haben wir deshalb versucht, mit den Songformen selber etwas mehr zu experimentieren. Wir sind nun mal keine Band fürs Autoradio.

KEYS: Das letzte Album war immerhin Nummer Vier der Album-Charts…

Horn: Wir haben eine starke Basis, die über Jahre hinweg gewachsen ist. Aber wir sind keine Single-Band und daran scheitern wir ja auch regelmäßig (lacht).

KEYS: Wolfsheim haben auf ihrer letzten Platte ungeniert Drum’n’Bass-Beats eingesetzt…

Horn: Wolfsheim waren eigentlich schon immer mehr eine Electro-Pop-Band, wir eigentlich wider Willen. Alexander und ich haben schon immer eine starke Neigung zu Gitarren- und Noise-Bands gehabt, My Blooey Valentine zum Beispiel. So war von Anfang an ein anderer Geschmack vorhanden, den man am deutlichsten in einer unveröffentlichten Platte aus dem Jahr 1987 sieht.

Mittlerweile sind wir aber ziemlich zahm geworden (lacht). Wir haben eine Neigung zu schwermütigen Liedern. Wir können nicht anders. Es wäre auch eine Unterforderung für den Alexander , wenn ich etwas von ihm absampeln und in eine Dance-Nummer einbauen würde. Das sind wir einfach nicht und das können auch andere besser. Wir merken immer wieder, wenn wir uns treffen, was wir können und was nicht. Da gibt es eine gemeinsame Chemie. Als zum Beispiel die „Kid A“ von Radiohead herauskam haben wir sofort zusammen telefoniert - mit einer Riesenfreude! Das war endlich mal wieder etwas Neues.

KEYS: Es gibt einige Stücke mit Streichern auf der neuen Platte, sind das Samples oder wurde echt eingespielt?

Horn: Das sind echte Streicher und deren Aufnahme war für mich ein bisschen Neuland, weil ich bisher hauptsächlich Samples eingesetzt habe. Dieses Mal hatte ich eine Geigerin, der ich die Noten hingelegt habe. Es war unser Wunsch, bei diesem Album etwas in die Breite zu gehen und Stile abzuklopfen, die eigentlich eher neben uns liegen: Mal einen Reggae-Rhythmus einzustreuen oder - wie in der Single „Generators“ - etwas indisches. Daher der Versuch, mehr akustische Instrumente einzubauen. Und das ist wirklich interessant: Sobald zum Beispiel eine akustische Gitarre dabei ist, ändern sich die Stücke radikal.

KEYS: Klingt es denn natürlicher und organischer als mit Samples?

Horn: Nein überhaupt nicht. Es kommt eher eine andere Stilistik durch die Spielweise des Gitarristen mit hinein. Wenn ich akustische Instrumente sample, dann suche ich mir nur kleine Schnipsel heraus und baue die dann wie in einem Patchwork bei mir ein. Wenn ich aber einen Musiker dabei habe, der die Gitarre auf eine bestimmte Art und Weise spielt, dann habe ich ganz andere Assoziationen.

KEYS: Wie seid Ihr bei der Aufnahme technisch vorgegangen?

Horn: Wir nehmen direkt auf die Festplatte unseres G4 auf: alles nativ mit Emagic Logic Audio - Pro Tools war mir zu teuer (lacht). Ich habe das 2408 MK. II von MotU und finde, dass es für meine Zwecke ideal ist. Man kann alles kombinieren, hochwertige Wandler mit einfachen zusammen einsetzen. Ich glaube auch, dass man mit höherer Rechenleistung bald keine Probleme mehr haben wird mit Latenzen und ähnlichem. Die Probleme werden eher in der Ergonomie entstehen. Controller wie die neue Logic Control werden immer wichtiger werden.

KEYS: Arbeitest Du nativ mit Software-Synthesizern?

Horn: Ja, aber es läuft leider noch nicht alles reibungslos. Ich habe das EVP88 von Emagic, was wunderbar klingt und das ich zum Beispiel bei „Lost“ eingesetzt habe. Bei „Silence In Your Eyes“, das Alexanders Lieblingsstück ist, hatte ich für das Demo ein Rhodes aus dem Korg 05RW genommen und wollte es später durch das EVP88 ersetzen. Doch da hat Alexander protestiert und deshalb haben wir auf der Platte wieder den Sound aus dem 05RW genommen, der viel muffiger und altmodischer klingt (lacht). Den Waldorf Attack habe ich, der sehr zum Herumspielen einläd: Wenn man einen Sound gefunden hat, möchte man dann doch noch die anderen Wellenformen ausprobieren.

KEYS: Du hast mit Software also keinerlei Berührungsängste, immerhin stehen einige Keyboard hier im Studio?

Horn: Es ist sicher ein Problem, wenn man zu viele Dinge im Computer hat. Zum einen wegen der Rechenleistung, so habe ich manchmal das Gefühl, dass das MIDI-Timing darunter leidet. Zum anderen wegen der Übersichtlichkeit. Ich versuche immer, dass mein Studio ein Instrument ist und mache mir sehr viele Gedanken darüber, wie ich alles um mich herum aufbaue, damit ich überall schnell hinkomme, Da werde ich mich jetzt mit meinem neuen Digital-Pult zunächst umstellen müssen. Aber es ist im Endeffekt alles eine Sache der Gewöhnung.

Früher haben wir mit nur acht oder sogar vier Spuren gearbeitet. Da war man gezwungen, Zwischenmixe zu erstellen. Das ist eine Arbeitsweise, die jetzt mit den Laptops wiederkommt. Man wird auch wieder sparsamer mit der Instrumentierung vorgehen. Ich habe vor kurzem eine interessante Platte von Fisherspooner gehört, die angeblich komplett in Reason erstellt wurde. Das sind ganz andere Ansätze.

KEYS: Wie stehst Du zum Thema Laptop und Musik?

Horn: Nach draußen zu gehen, um die große Inspiration zu bekommen, das sehe ich überhaupt nicht. Wir haben doch früher alle unsere Arbeitsmaterialien im Urlaub dabei gehabt und keine Sekunde gelernt. Es ist doch viel besser, ein schönes Buch mit in den Urlaub zu nehmen (lacht). Ich bin da völlig unromantisch geworden mit der Zeit. Ich bin mit klassischer Musik aufgewachsen, hatte den Komponisten-Idealismus in den Knochen, habe meine Bach- und meine Beethoven-Biografie gelesen und mich dann mit Mondenschein ans Klavier gesetzt - und da ist mir dann überhaupt nichts eingefallen (lacht).

KEYS: Wie gehst Du beim Komponieren vor? Kommen zuerst die akustischen Instrumente oder ist die Elektronik zuerst da?

Horn: Ich fange immer am Klavier an. Ich probier hier am Flügel an den Songs herum und in diesem Stadium kommt dann meist schon Alexander dazu, hört sich das Material an und wir variieren das Tempo und die Lagen. Dann spiele ich das Klavier über meinen midifizierten Yamaha-Flügel ein. Ich mache sehr viel mit dem Noten-Editor von Logic, auch die Drumspuren, das bin ich einfach so gewöhnt. Auch wenn ich dann später Noten für die anderen Musiker ausdrucke, geht alles mit dem Noten-Editor sehr schnell von der Hand.

Der zweite wichtige Bestandteil bei der Entstehung der Songs ist Sampling. Ich sample wirklich alles, auch von Sampling-CDs. Da habe ich überhaupt keine Hemmungen, allerdings suche ich mir nur etwa vier Mbyte von einer Sampling-CD heraus. Für diese Auswahl nehme ich mir sehr viel Zeit, weil ich jede Taste einer Keyzone mit anderen Hüllkurven und Filterienstellungen belege.

KEYS: Wie stehst Du zu Software-Samplern?

Horn: Von allen virtuellen Möglichkeiten steht der Sampler an vorderster Stelle, weil am Computer diese ganze Archivarbeit viel einfacher ist. Auch der Dateienaustausch zwischen HD-Recording und Sampler geht viel einfacher. Ich wäre schon längst auf den EXS24 umgestiegen, wenn ich in mein Akai S3200 nicht so verdammt viel Kleinarbeit investiert hätte, die sich leider nicht so einfach übertragen lässt.

KEYS: Wenn Du die letzten 15 Jahre Revue passieren lässt, welcher Synthesizer hat bei Dir da den tiefsten Eindruck hinterlassen?

Horn: Es gab immer wieder Geräte, die wirklich zu Ende gedacht waren und eine große Idee verwirklicht haben. Dazu gehört ganz bestimmt der Oberheim-Xpander. Das war der erste Versuch ein Modularsystem in ein MIDI-Modul zu stecken, es also von der Tastatur zu lösen. Das war damals ein echter Maßstab. Bei den Samplern war der Akai S1000 sicher sehr wichtig. Für mich hat der Waldorf-Wave die gesamte PPG-Entwicklung wirklich auf den Punkt gebracht. Natürlich war damals der Yamaha DX7 die Revolution, allerdings im Guten wie im Schlechten, weil er das Kapitel „Unbedienbarer Synthesizer“ eröffnet hat.
Ich liebe einfach gute Ideen. Auch ganz simple Sachen wie zum Beispiel dieser kleine Doepfer MS-404. Der hat nur einen Oszillator, klingt aber so saumäßig gut. Und dann gibt es natürlich noch meinen persönlichen Liebling, das ist der Oscar, ein Teil mit dem ich verwachsen bin wegen seiner Eigenheiten. Er hat zum Beispiel ein Filter, das ganz eigenartig klingt. Es gibt einen Bereich, in dem er bei voll aufgedrehter Resonanz nicht pfeift und da klingt er total interessant.

KEYS: Wie nehmt ihr den Gesang auf?

Horn: Ich nehme ein wenig Raum weg mit diesen Stellwänden und höre unter dem Kopfhörer ab. Ich könnte natürlich hier eine separate Regie einrichten und eine Glasscheibe einsetzen lassen. Das wäre mir aber zu umständlich.

Ich habe mir jetzt das Neumann U87 gekauft, ob das wirklich sein musste, weiss ich nicht. Ein Röhrenmikro kam für mich nicht in Frage. Ich habe einen TLA-Kompressor da, wenn ich den Sound brauche. Ich habe allerdings zum Teil negative Erfahrungen mit Röhren gemacht, ganz abgesehen von Nebengeräuschen. Ich hatte mal eine Aufnahme mit vier weiblichen Stimmen, die teilweise zusammen sehr hoch gesungen haben und da hat das Mikro angefangen mitzusingen. Das klang wirklich seltsam.

KEYS: Auf dem aktuellen Album gibt es nur zwei Stücke mit Kathedralenhall, der Rest ist ziemlich trocken.

Horn: Die gesamte Klangästhetik verändert sich im Moment. Für mich als klassischen Musiker ist es schwierig, sich mit der extremen Kompression abzufinden, die jetzt überall Standart ist. Die Hörerwartung ist heutzutage so, dass jede Spur komprimiert sein muss. Im Vergleich dazu klingt eine unkomprimierte Aufnahme - auch wenn sie noch so schön ist - wie aus einem Mittelwellenradio (lacht). Hall wird dann auch zum Thema, denn Hall heißt immer ein bisschen Distanz. Auch die neuen Songs und die Art und Weise wie Alexander jetzt singt, sorgen dafür, dass der alte Lakaienhall nicht mehr so oft eingesetzt wird.

KEYS: Ihr mischt ja hier, mastert ihr auch hier?

Horn: Zum Mastern gehen wir ins Mastering Studio München. Das ist mir wichtig, nicht unbedingt wegen der teuren Geräte, sondern weil es einfach wahnsinnig hilft, wenn sich jemand mit frischen Ohren die Stücke noch mal anhört. Der Christoph Stickel vom MSM ist sozusagen meine Polizei. Dort kriegst du es wirklich vor den Latz geknallt und merkst, auch für die weitere Arbeit, wo es noch Probleme im Sound gibt. Auch die Vergleiche mit anderen CDs sind ungeheuer wichtig.

KEYS: Wie werdet Ihr Euer neues Material live umsetzen?

Horn: Im März gehen wir auf Tour. Ich versuche immer auf der Bühne mit der Elektronik gestalterisch zu sein: seien es Arpeggiatoren oder die Touchtracks in Logic, die es ermöglichen Spuren über die Tastatur zu starten und zu muten. Mit einem DAT sind wir nie aufgetreten, allerdings immer mit dem Rechner: Angefangen mit einem Atari ST, später den 190er Mac und jetzt ein iBook. Mit dem Rechner selber hatte ich noch nie Schwierigkeiten, allerdings verwende ich ihn nur für MIDI-Spuren. Ich hoffe, dass es weiterhin so bleibt: toi, toi toi!

Der sinnliche Aspekt des Livespielens fehlt natürlich, wenn du dich nur mit einem Laptop auf die Bühne stellst. Da geht doch nichts über die gute alte Emerson-Burg (lacht). Wenn er sein Hammond rüber gekippt hat, da hast du einfach noch die physische Kraft gespürt: Hält er sie jetzt oder nicht? Ostinati hat er gemacht, indem er Messer reingehauen hat. Dann blieb der Ton auch stehen (lacht). Und das hat natürlich unglaublich gewirkt.

KEYS: Ihr hattet 1995 und diesen Dezember einige Akustikauftritte. Wie kam es dazu?

Horn: ich hatte von Anfang an die Idee, nur mit Klavier und Gesang aufzutreten. Dieses präparierte Klavierspiel habe ich früher schon oft gemacht, da ich mich in meiner Zeit als Korrepetitor sehr viel mit neuer Musik auseinander gesetzt habe. Daraus hat sich dann eine Tour ergeben und später aus den Aufnahmen auch eine Platte, weil die Reaktionen erstaunlich gut waren. Das hat wohl damit zu tun, dass in der Sache ein gewisser Heroismus steckt: Ein Mann allein am Flügel versucht eine ganze elektronische Schlagzeugbatterie zu ersetzen (lacht). Und das Gefühl dem Publikum zu vermitteln, dass da einer reinhaut, was reinzuhauen ist. Das ist komischerweise mehr Rock’n’Roll als die gesammelte Elektronik auf der Bühne

Alexander Schmidt, Ingo Gebhardt/ig

Das Studio von Deine Lakaien

Synthesizer und Sampler: Access Virus, Akai S3200, Crumar Spririt, Doepfner MS-404, Elka MK55, Emagic EVP88, Juno 106, Korg Monopoly, Korg Prophecy, Kurzweil K2500 X, Oberheim Xpander, OSCar, PPG Wave 2.2, Roland SH-5, Waldorf Attack, Waldorf Microwave, Waldorf Q, Waldorf Wave.

Effekte und Dynamics: Boss SE-70, Lexicon PCM 70, Marshall JMP-1, Roland SRV-2000, SVC-350, Kompressoren von TLA, dbx, Behringer und jede Menge Oldies und Bodentreter z.B. von Electro Hamonix und Ibanez.

Rechner und Recording: Apple G4/ 400, Emagic Logic Audio, Microtech UM70, MotU 2408 Mk. II, Neumann U87, TLM 193, Tascam DA-38, DA 88 (für Live-Mitschnitte)

Mischpult und Abhöre: Sony DMX-R100, Mackie HR824.


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