Release Information 2002

Deine Lakaien: White Lies

Studio-Album

Biographie 2002 Deine Lakaien

WERDEGANG

Deine Lakaien entstanden aus einer Kleinanzeige und wurden zu großer Kunst. „Suche experimentierfreudigen Sänger“, annoncierte der Münchner Berufsmusiker Ernst Horn in einer Stadtzeitung und fand daraufhin Alexander Veljanov; er kam aus Nürnberg zum Film- und Theaterstudium in die Isarmetropole. Das war vor 17 Jahren. Ihre äußerlichen Gegensätze haben sich Ernst und Alexander seitdem bewahrt, ebenso wie ihre Geistes- und Wesensverwandtschaft. Geblieben ist auch ihr Bedürfnis, das Leben mit Musik zu bestreiten, weniger im gewerblichen Sinne als im Dienste der Auseinandersetzung mit sich und der Welt. Und so gründeten sie Deine Lakaien auf musikalischen Visionen (Horn) und künstlerischen Idealen (Veljanov). Der Glücksfall dieses Unternehmens: Nach mehr als anderthalb Dekaden ist noch immer nicht der Groschen gefallen, wie das Leben denn nun wirklich sei – der beste Antrieb, um weiterzuforschen –, aber ihre Musik fand von Mal zu Mal mehr Freunde – die beste Voraussetzung, dass auch Brötchen rollen; von brotloser Kunst hätte keiner was. „Kasmodiah“, das zuletzt erschienene, fünfte Deine-Lakaien-Album, stieg an # 4 der deutschen Charts ein; seit ihrem dritten Album „Forest Enter Exit“ ist das Duo Stammgast der Charts.

WHITE LIES

„White Lies“ erscheint fast turnusgemäß drei Jahre nach „Kasmodiah“. Fans beklagen ungeduldig, es liege immer so viel Zeit zwischen den Alben. Doch erstens arbeiten die zwei bis zu einem Jahr intensiv an einem Langspieler, zweitens arbeiten sie über eine Distanz von 600 Kilometer hinweg – Veljanov zog bereits 1986 nach Berlin -, drittens arbeiten sie mit gleicher Leidenschaft auch an Solo-Ideen. Ihr Schaffensdrang ist beinah beängstigend. Veljanov brachte Mitte des Jahres sein zweites Album „The Sweet Life“ heraus, Horn veröffentlichte sein mediävales Projekt Helium Vola – zeitgleich zur Deine-Lakaien-Single „Generators“, die traditionell ein geschlossenes Werk bildet. Keiner der vier Single-Titel findet sich so auf dem neuen Album wieder.
Es ist ein unverkennbares Deine-Lakaien-Opus – typisch nur darin, dass es wieder einmal von seinen Vorgängern abweicht, ohne sich den atmosphärischen Charakter verdorben zu haben. Schon immer taten sich Leute schwer, die Deine Lakaien etikettieren wollten. Keine Bezeichnung haftete auf Horns ziselierten, impressionistischen Klangflächen mit Veljanovs sonoren Verwerfungen darauf. „Deutschlands Dark-Waver Nummer eins“ wurden sie genannt – dabei entstand ‘Dark Wave’ erst sechs Jahre nach Deine Lakaien. „Deutschlands führende Alternative-Elektroniker“ – nun ja, wenn ‘Alternative’ heißt, dass einige der „elektronischen“ Höhepunkte nur mit Hilfe von Piano und Stimme entstanden (in Form zweier enorm erfolgreicher Akustik-Tourneen). „Die schillerndsten Avantgarde-Musiker …“ – „Ach ja, also, wir haben ja weder das elektronische Musizieren, noch das Singen erfunden“, würde Ernst in lockerer Geste erwidern. Horn studierte in Freiburg und Hamburg Musik, war Opernkapellmeister in Karlsruhe, arbeitete als Dirigent und Pianist, schrieb Theater- und Hörmusik (und schreibt sie auch weiterhin). Er registriert Einordnungsversuche ihrer Musik mit Neugier; Partei ergreifen er und Veljanov für keinen dieser Versuche. Sie sind Diener der Kunst – nur in diesem Sinne darf man ihren ironisch gemeinten Namen auch mal ernst nehmen („Deine Lakaien“ entstammen einer Textzeile der Einstürzenden Neubauten).

„White Lies“. Weiß lügt. „White Lies“ sind aber auch Notlügen. Deine Lakaien erscheinen neuerdings in strahlender Reinheit, entgegen ihres Image als dunkle Poeten. Doch auch wenn sich wieder ein wenig mehr Humor und Selbstironie auf dem neuen Album Bahn geschlagen haben, so tritt doch ein wesentliches Merkmal der Lakaien hervor: Bei aller Wärme des Gesangs und lichter Melodie trägt jedes Lied immer einen Zweifel mit sich. Deine Lakaien werden niemals Frohnaturen sein. Sie verarbeiten Schwermut, Wehmut angesichts persönlichen Leids, weltwirtschaftlichen Kannibalismus oder politischer Arroganz, und das fördert ein Klima des Verstandenwerdens – mithin der Anknüpfungspunkt für Menschen, die Verständnis suchen. So wuchs eine dankbare Fan-Gemeinde. Zweites wesentliches Merkmal: Deine Lakaien suhlen sich mit ihrer Musik nicht in Resignation, sondern bereiten den Weg zu innerer Einkehr, zu Ruhe und Kraft, um gestärkt wieder hinauszugehen und etwas zu bewegen. Das Weiß Deiner Lakaien mag Lüge sein, aber zu einem guten Zweck.

Auf „White Lies“ bewegen sich Deine Lakaien zumeist im Ruhepuls. Mit majestätischer Zurückhaltung umspielen Horns kompositorische Miniaturen Veljanovs ausholenden, schwebenden Bariton. Fern fühlt man sich an Bryan Ferry erinnert. Das Album startet mit dem gelösten „Wunderbar“, in dem ein Betrunkener in einer Winternacht einen Laternenpfahl ansingt. „Generators“, hier mit einer gedehnten und gedämpften Version der Single, ist eine tröstende Arche im Meer der Oberflächlichkeit. „Where You Are“ besteht aus dem ersten Text, den Horn und Veljanov zusammen geschrieben haben und handelt vom Verlust eines Angehörigen und dessen läuternde Wirkung. „Prayer“, inspiriert vom Romancier Michel Houellebecq („Elementarteilchen“), ist die Aufforderung, einen guten Menschen zu klonen, einen, der sein Leben lang von der „gemeinen“ Natur beschissen wurde. In „Stupid“ gipfelt die Selbstironie – „dumme Musik für dumme Kritiker“, fasst Horn es zusammen. „Kiss“ ist die gälisch anmutende Moritat eines betrogenen Liebhabers, der seiner Frau alles Gute in der Hölle wünscht, während „Silence In Your Eyes“ dem Himmel nahe rückt. Die Vertrautheit, die dieser Song ausstrahlt, bringt das Wesen Deiner Lakaien zur Vollendung. „Hands White“ ist eine unmittelbare Reaktion auf die Ereignisse vom Weltwirtschaftsgipfel in Genua. Das experimentelle „Lost“ handelt von der Notwendigkeit sich einzugestehen, wenn etwas gescheitert ist, während „Fleeting“ wissentlich auf eine Beziehung zusteuert, die zum Scheitern verurteilt ist. „Life Is A Sexually Transmitted Disease“ vollendet die Single-Collage „Life Is (A Sexual Transitted Disease)“ und verweist auf das wiederkehrende Lakaien-Thema „Reincarnation“ (Wiedergeburt). Mit „One Minus One“ begeben sich die Künstler in nihilistische Auflösung und schließen ihr Album.

„Deine-Lakaien-Alben sind letztlich Seitwärtsschritte in einem Beet mit verschiedenen Arten der immer gleichen Themen. Wir übertragen sie auf abwechselnde Stile und Genres“, beschreibt Horn das neueste Ergebnis ihrer Arbeit. Sie haben diesmal wieder in Reinform als Duo gearbeitet und vereinzelt Gastmusiker einbezogen: eine Meistergeigerin der Münchner Philharmonie, einen Cellisten des Modern String Quartet, einen Gitarristen und einen Drehleier-Spieler. Keine Popstar-Besetzung. Und wer sich mit Deinen Lakaien über „White Lies“ unterhält, dem schwant: Sie haben nicht den geringsten Gedanken an Kommerzialität verschwendet. Auch im 18. Jahr ihrer seitensprunghaft eheähnlichen Partnerschaft sind sie nur ihrem Trieb als Kunstschaffende verpflichtet. Deine Lakaien haben sich nicht verändert, aber vielleicht hört die Welt ihnen immer besser zu, verblassen deren geistige Bilder von Schwarzen Buben. Weiß lügt. Notfalls.

Berlin, November 2001


Titel-Liste:
  • Wunderbar
  • Generators (Album Version)
  • Where you are
  • Prayer
  • Stupid
  • Kiss
  • Silence in your eyes
  • Hands White
  • Lost
  • Fleeting
  • Life is a sexually transmitted disease
  • One minus one
  • Generators (Club Version) - LP Bonus title
  • Generators (White Version) - LP Bonus title
  • May Be - LP Bonus title
  • Life is [a sexual transmitted disease]) - LP Bonus title

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