ZilloScope-Interview
…zum Album "White-Lies" von Deine Lakaien (Feb. 2002)

Back in White

Nach dem abgefeierten „Kasmodiah“ muss es das neue Album des Duos Deine Lakaien schwer haben… Muss es? Ich treffe Alexander Veljanov und Ernst Horn in einem Hamburger Cafe, um nachzufragen. Dass das Interview für das ZilloScope aufgezeichnet wird, vereinfacht die Angelegenheit nicht gerade… Man nehme: Einen zurückhaltenden Ernst Horn, einen coolen Veljanov, eine zweiköpfige Kameracrew, einen Fotomensch, eine Maskenbildnerin, eine Journalistin nebst dazugehörigem Papierstapel, jede Menge Kabelsalat, Licht, das immer ausgeht und natürlich eine Unsumme unfreiwilliger Statisten an den anderen Tischen.

Ehe die offizielle Fragerunde beginnen kann, vergeht eine halbe Stunde: Erst einmal müssen sich Ernst und Alexander noch das Make-Up auflegen lassen. Ernst, der als erster an unseren Tisch zurückkommt, scheint sich nicht recht wohl zu fühlen. Als Alexander wieder zu uns stößt, trifft sein erster Satz nach einem Blick auf den Kollegen den Kern der Sache: „Der Ernst fühlt sich ganz unbehaglich!“

„Kein Wunder, so mitten im Raum, man kommt sich ja vor wie ein Affe im Käfig“, gibt Ernst zurück. Alexander sieht es von der professionellen Seite: „Damit musst Du leben.“ Er nimmt erst einmal seinen Kaugummi raus. Die Sonnenbrille lässt er auf.

Bei allem Verständnis für Ernst werden wir uns schnell einig, dass das Ambiente im Cafe den Trubel rechtfertigt. Und - endlich! Die Kameras klicken, Maxim und Eric sind bereit.

„Grüß Gott hier in Hamburg!“… Womit Ernst den offiziellen Teil einläutet. Dann los. In einer Rezension des Albums „White Lies“ stand zu lesen, das Werk sei eben so routiniert und berechenbar, wie man das von Deine Lakaien erwarten würde. Ist das ein Angriff? „Nee“, findet Alexander spontan, während Ernst kurz überlegt.

„Ja, vielleicht schon“, gibt er dann zu. „Wobei ich es nicht als Routine bezeichnen würde. Wir haben im Vorfeld viel über die Songs nachgedacht und auch über das Bild, das wir vermitteln wollen. Routine wäre es, wenn wir die Hörer so bedienen würden, wie sie das erwarten. Das wäre furchtbar. Obwohl das die Arbeit ungemein beschleunigen würde. Der Vorwurf: Es ist wieder dasselbe und es fällt ihnen halt nichts mehr ein, würde wenigstens implizieren, dass wir uns Mühe gegeben haben. Routine hingegen heißt für mich, dass man sich keine Mühe mehr gibt.“ Ernst spricht langsam, folgt seinen Gedanken, beginnt Sätze und bricht sie wieder ab, um nach einem anderen Faden zu greifen.

Aber ist Routine zwangsläufig ein ausschließlich negativer Stempel? Sie impliziert doch auch einen gewissen Perfektionismus.

„Findest Du?“ wundert sich Ernst. „Für mich ist das der Inbegriff von Geistlosigkeit…“

„… Ideenlosigkeit…“, wirft Alexander ein.

„… in der Kunst generell“, ergänzt Ernst.

Die beiden sind ein wunderbares Team, aufeinander eingespielt, sie werfen sich die Bälle zu und schweigen im richtigen Moment: Man spürt, wie gut sie sich kennen. Sie sind routiniert im Umgang miteinander, wie auch immer sie zu diesem Begriff stehen. Wie ist es nun aber mit der, ihnen ebenfalls vorgeworfenen, Berechenbarkeit? Bisher gab es auf den Lakaien-Alben fast immer einen Song, der unberechenbar war, was mittlerweile schon wieder als Berechenbarkeit ausgelegt wird.

„Stimmt, aber das ist wirklich konstruiert“, sagt Ernst. „‘Lass mich’ war ein wirklicher Zufallstreffer, Alexander hatte einfach drauflos improvisiert. Und ‘Testosterone’ war auch nicht auf diese Rolle ausgelegt. ‘Stupid’ vom neuen Album - ja, das ist ein ganz bewußter Ausreißer, weil wir damit uns selber und unser Umfeld in Frage stellen.“

Oder um Ernsts Statement zum Song aus der Presseinfo zu zitieren: „Dumme Musik für dumme Kritiker.“ Er lacht. „Das hab ich wohl so gesagt. Wobei damit das geschäftliche Umfeld gemeint ist; die Erwartungen, die an uns gestellt werden und wie wir selber sind. ‘Stupid’ ist eine Spielerei, die man nicht so ernst nehmen muss.“
Fällt es leichter, solche „schlichten“ Texte zu schreiben?

„Also“, klinkt sich Alexander ein, „ich würde so einen Text gar nicht schreiben.“ Können oder wollen? „Ach, nicht wegen des Inhaltes. Einfach von der Schreibart her - es ist eine Stupidität. Trotzdem bin ich mit dem Lied sehr zufrieden, weil es im Ganzen sehr charmant ist. Es arbeitet nicht mit dem Holzhammer, in dem Sinn, dass wir besonders blöd oder besonders kritisch sind, sondern mit einem Augenzwinkern. Der Song passt zu den frühen Achtzigern, wo wir unsere Wurzeln, unsere Anfänge haben.“

Auf jeden Fall ist es eine kritische Auseinandersetzung mit der Medienwelt. Wie lebt es sich denn darin mittlerweile? Beide Lakaien sind ja nicht unbedingt der Typ von Mensch, der daran Freude zu haben scheint. „Am Rampenlicht???“ Alexander guckt ungläubig. Natürlich hat er daran Spaß. Meistens. Die Frage bezog sich auch eher auf das Business!

„Ach so.“ Er grinst. “ Das ist Arbeit, ganz normale Arbeit. Es ist schwer, immer wieder darüber nachzudenken, wie man sich präsentiert und was das alles soll. Aber wir haben unseren Weg jenseits der Mediengesellschaft gemacht und jetzt, wo wir oben sind, kommen aus allen Ecken Leute, die noch nie was von uns wollten - wenn ich heute mit der Bunte spreche, oder mit der Bild, dann denk ich mir: sollen sie mich halt fragen. Solange sie nicht erwarten, dass ich etwas Besonderes preisgebe.“

Wie weit greift die zunehmende Popularität ins Privatleben ein?

Alexanders Antwort kommt rasch. „Natürlich kommt es zu Situationen, die unangenehm sind. Aber das ist normal.“ Die Lakaien-Fans lassen den beiden allerdings offenbar relativ viel Freiraum. „Es gibt immer ein paar Spinner“, sagt Alexander.

Ernst kontert: „Bei mir nicht, mich kennt niemand.“ Auf Alexanders zweifelndes Räuspern fügt er hinzu: „Na gut, in der Szene vielleicht, wenn ich auf einem Festival bin. Ich empfinde es als sehr angenehm, nicht erkannt zu werden, weil ich viel und gerne in Cafés sitze. Und vergleich mal die Presse-Fotos und schau mich jetzt an, da ist keine Ähnlichkeit.“ Was Blödsinn ist.

Themenwechsel: Ist es nach 16 Jahren überhaupt noch möglich, sich selbst noch einmal neu zu definieren? Ernst dazu: „Wir haben diesmal schon Anfang 2000 mit dem Songwriting angefangen. Darauf folgten unsere Soloprojekte. Wir haben bestimmte Vorüberlegungen im stilistischen Sinne getroffen. Sprich: Wir hatten die Idee, einige Bereiche neben uns auszuloten. Sehr behutsam mit anderen Rhythmen, anderen Stilistiken zu arbeiten. Wenn dann das Songwriting richtig anfängt, sind diese ganzen Überlegungen auch nicht mehr so wichtig. Wenn ich mich während der Produktion damit auseinandersetzen müsste, dass die einen Fans sagen: ‘Immer dasselbe!’, die anderen meckern, ‘Das ist ja ganz anders, früher hat es uns besser gefallen!’, die Dritten sagen ’ Das ist kommerziell!’ und die Plattenfirma sagt, ‘Es ist nicht kommerziell genug!’ und so weiter, dann hätte ich wirklich ein Problem.“

Kritik kommt immer. Kann man sich so dagegen wappnen, dass sie schließlich wirklich abprallt? Alexander bejaht fast augenblicklich. Und dann berührt das gar nicht mehr? „Das zu sagen, wäre jetzt sehr kokett“, räumt Alexander ein, “ und ich glaube auch, dass Ernst noch empfindlicher ist als ich - ihn trifft eine bösartige Kritik, ein negativer Artikel.“
Ernst guckt kurz erstaunt und nickt dann. „Ja, eine halbe Stunde lang. Wenn es unterhalb der Gürtellinie ist. Es gibt drei oder vier Kritiken, die mich geärgert haben, vor allem wenn es ins Fachliche geht. Wenn jemand ‘stümperhaftes Schülerklaviergespiele’ schreibt, finde ich das halt ärgerlich. Dafür übt man so viel!“ er ist verletzt. Denn Ernst Horn ist nicht nur ein Pianist von Kindesbeinen an und Dirigent - er nimmt es mit seiner Arbeit auch sehr genau.

Alexander erzählt, dass ihn bösartige Kritiken früher auch getroffen haben, „aber irgendwann habe ich eingesehen, dass die Leute, die versuchen, ganz fies und geschliffen zu formulieren, sich wahnsinnig viel Mühe machen und sich wirklich mit ihrem Hass und ihrer Wut auseinandersetzen. Die widmen mir so viel Energie, dass ich das schon wieder schmeichelhaft finde. Am übelsten sind Kritiken, die ohne jegliche Energie und Anstrengung runtergeschrieben sind. Leute, die bewusst negativ urteilen, ohne sich dabei anzustrengen. Da möchte ich echt sagen: Gib dir mal ein bisschen Mühe, wir tun das ja schließlich auch!“

Die Zeiten der negativen Kritiken gehören wohl der Vergangenheit an, denn „White Lies“ ist nicht nur für die beiden Lakaien rundum zufrieden stellend. „Ich bin entspannt wie noch nie,“ sagt Alexander, „ich hab keine Angst vor Gesprächen oder Kritiken oder was auch immer, weil ich mir so sicher bin, dass dieses Album absolut seine Berechtigung hat.“

Auch der Erfolg des Vorgängeralbums „Kasmodiah“ sollte eine gewisse innere Ruhe garantieren können. „Schon richtig“, nickt Alexander, „aber Erfolge gehen nicht damit einher, dass man in den Spiegel gucken kann, ohne sich dabei komisch zu fühlen. Ich denke, dass jede Menge Musiker Erfolg haben und da mit einem gewissen Zynismus rangehen müssen, weil sie nicht die Musik machen, die sie eigentlich machen wollen. Dann kommt es ja immer wieder zu so seltsamen Coming-Outs… Das Problem haben wir glücklicherweise nicht, da wir auch andere Dinge ausgelebt haben, in anderen Bereichen. Es ist ja nicht so, dass wir uns im Lakaien-Gefängnis fühlen - wir haben die freie Entscheidung, das zu machen! Vor jedem Album bin ich ein bisschen unsicher, ob es noch Sinn macht. Diesmal hat sich während der Produktion sehr schnell rausgestellt, dass es sehr viel Sinn macht… für mich!

Apropos Produktion: wie läuft die ab? Ist das eine ganz ernsthafte Sache? „Ernsthaft? Nee.“ Ernst kichert und Alexander stimmt in sein Lachen ein, um dann klar zu stellen: „Ohne Spaß würden wir elendiglich zugrunde gehen. Unsere Musik hat ja durchaus eine gewisse Ernsthaftigkeit, da muss man im Gegenzug Spaß haben im Studio und nicht nur noch…“, er sucht das richtige Wort. „Den Depri schieben“, ergänze ich und Alexander nickt. „Ja, das wäre nicht so schön. Aber wir arbeiten sehr diszipliniert, schon dadurch, dass ich in Berlin lebe und Ernst in München. Wenn wir uns treffen, müssen wir konsequent arbeiten. Würden wir jeden Tag ins Café und die Kneipe gehen, was ja naheliegend wäre für Musiker, dann würde das nicht funktionieren.“

Die Ernsthaftigkeit der Musik. Ja. In „Prayer“ geht es um das Klonen - passenderweise macht dieser Tage die Nachricht der ersten gelungenen Klonung eines Menschen die Runde. Sieht man nach solchen Nachrichten die eigenen Texte mit anderen Augen?

Ernst verneint. „Das ist ja sowieso ein virulentes Thema, aber der Text bezieht sich nicht grundsätzlich auf die moralische Frage des Klonens, sondern es geht um die Ungerechtigkeit zwischen schönen und hässlichen Menschen. In meinen Augen ist ‘Prayer’ übrigens ein Kühelied.“ Bitte?

„Na ja, es ist ein ganz einfaches, banales Lied über eine Frau, die vom Leben beschissen wurde, aber ein goldenes Herz hat. Die darf man dann klonen … Das ist die Wut über die Gemeinheit der Natur - und nicht nur auf die Gesellschaft, die ja auch nur ein Produkt der Natur ist. Moralisch ist das Lied natürlich trotzdem - es ergreift Partei für vom Leben benachteiligte Menschen.“ Moral zieht sich wie der sprichwörtliche rote Faden durch die Platte, wie Ernst bestätigt. „Wir haben sogar noch viel mehr Texte im Hintergrund, die nicht auf dem Album sind. Vor zwei Jahren habe ich eine ganze Serie von Hasstexten über die neue Öklnomie geschrieben. Ich war damals sehr angestachelt von dieser dot.com-Euphorie und der Geldblase, die da entstand. Natürlich hatte auch Seattle’99 großen Einfluss auf mich - ich habe mich so gefreut, dass da offensichtlich eine Generation heranwächst, die nicht nur an Startup und so was denkt. Diese Thematik wurde dann durch Alexanders Texte abgeschwächt, die nicht so sehr aus dieser Richtung kommen.“

Wobei Deine Lakaien ja eigentlich nie moralisieren wollten - wenn man sich näher mit „White Lies“ beschäftigt, kommt es aber schon so an. „Aber nicht mit der platten Keule“, stellt Ernst klar. „‘Denkanstöße’ ist das Stichwort“, wirft Alexander ein.

„Definitiv“, nickt Ernst, „bis auf eine Ausnahme: ‘Hands White’ ist wirklich eine richtige Parteinahme, so etwas haben wir eigentlich noch nie gemacht.“
Alexander: „Von der Aussage her ist es jedoch sehr minimalistisch gehalten.“

Ernst; „Aber es ist ein Parolestück. Das war eine einmalige Sache. Es ist aber einfach so, dass durch den Turbokapitalismus der letzten Jahre der Unterschied zwischen arm und reich immer deutlicher wird. Weil das doch eine Entwicklung ist, die doch jedem aufstößt finde ich es legitim.“ Die beiden ergänzen sich eben.

Alexanders Texte sind dagegen gefüllt mit Metaphern und den Grundgedanken Kälte, Dunkelheit und Einsamkeit respektive Licht, Wärme, Liebe. „Silence In Your Eyes“ ist so ein typischer Lakaien-Song, da sind wir uns einig. Alexander erklärt warum: „Diese Themen sind auf allen Lakaien-Platten zentral. Die Suche des Menschen nach Zweisamkeit und Geborgenheit beinhaltet auch das Scheitern, das Zurückfallen in Einsamkeit, das Sich-Wehren gegen die Einsamkeit. Das ist der Versuch, damit klarzukommen, dass man alleine geboren ist und alleine sterben wird, egal, was dazwischen ist - dieser Konflikt, dieses Nicht-allein-sein-wollen und dabei immer wieder scheitern … Das ist sicher zentral, auch auf diesem Album und „Silence In Your Eyes“ ist ein emotionelles, zentrales Stück und liegt mir sehr am Herzen - eines der Stücke übrigens, für das es sich für mich persönlich gelohnt hat, dieses Album zu machen. Es steckt viel Leben und Erlebtes, Gefühltes, Erhofftes drin. Ein mutiges Stück, finde ich.“

Man könnte es „Herzblut“ nennen, aber das klingt Alexander zu pathetisch und abgedroschen. „Obwohl auch ‘Liebe’ abgedroschen ist und trotzdem scheuen wir uns nicht, darüber zu singen,“ überlegt er. „Man muss einfach viel Fingerspitzengefühl und den Mut haben, auch mal daneben zu greifen. Und im Zweifelsfall versuchen, es das nächste Mal besser zu machen. Wobei: Ich denke, wir sind schon nicht schlecht, was diese Gefühlsdinge betrifft.“

Wobei „White Lies“ relativ ausgewogen daherkommt, die Mischung aus Geradeheraus-Stücken und subtileren Botschaften stimmt.

„Es hat sich so ergeben.“ Ernst grübelt kurz. „Wie viel von welcher Richtung es auf das Album schafft, ist immer auch ein bisschen Zufall. Wir wurden oft darauf angesprochen, dass es eine ruhige Platte geworden wäre. Das stimmt natürlich irgendwie - wir haben in allerletzter Minute noch ein sehr schnelles Stück rausgeschmissen und eine Ballade dringelassen.“

Alexander findet das Getue darum schrecklich. „Es ist doch furchtbar, wenn man eine Platte danach zusammenstellt, wie viele schnelle, langsame und midtempo Stücke drauf müssen - diese kalkulierte Bedien-Kacke kann ich überhaupt nicht ab … Auch, dass die Länge der CD so wichtig ist. Früher konnte ein gutes Album 39 Minuten haben und jeder war zufrieden, heute muss es 70 Minuten haben, das finde ich absolut krank.“ Er gerät in Rage, ich bremse durch den Verweis auf die hohen CD-Preise. „Die sind wegen der Brennerei-Panik so hoch geworden“, wirft Ernst ein.

„Stimmt schon“, Alexander ist grad so schön in Fahrt, „aber es gibt ja Bands und Musiker, die stricken um eine Hitsingle ein ganzes Album! Wir könnten auch irgendwelche Wegwerf-Versionen alter Hits dazuknallen, um die Mengenangabe des Gewichts zu erfüllen.“

Wenigstens können Deine Lakaien selbst entscheiden, was auf ihre CDs kommen soll. „Das war schon immer so“, kommt es einmütig. Alexander fügt hinzu: „Wir hätten niemals zugelassen, dass uns irgend jemand sagt, was aufs Album soll und was nicht. Deshalb sind ja unsere Alben so geworden, wie sie sind - bestimmt hätte das ein oder andere Stück da nicht das Licht der Welt erblickt, wenn jemand da mitentschieden hätte.“

„Wir haben von jeher ein fertiges Band abgeliefert, diesmal auch.“ Ernst ist sich sicher: „Es ist schlecht, wenn man seine Sachen zu früh vorspielt - dann muss man dauernd abändern und das ist furchtbar. Wir leisten uns den Luxus, das Album fertig zu machen und wenn es das dann nicht ist, haben wir Pech gehabt. Für mich ist das ein ganz wichtiges künstlerisches Arbeitsprinzip, so zu gestalten, wie man sich selbst das vorstellt.“

„Ach, und wo du es gerade angesprochen hast“, fällt Alexander noch ein, „diese ewige Debatte über Indie und Major und Kommerz und Nicht-Kommerz … Kein Mensch hat bei diesem Album, das ja nun wirklich nicht DAS kommerzielle Popalbum ist, bei Sony zu uns gesagt, dass es nicht kommerziell genug wäre Kein Ton. Das Album wurde mit Dank so genommen, wie wir es abgegeben haben - es ist ein Klischee , dass bei den Majors nur Leute sitzen, die versuchen, die Acts von allen Kanten zu befreien. Die haben nämlich auch gemerkt, dass das nicht funktioniert, und kapiert, dass gerade Musik mit Kanten wieder ganz viel verkaufen kann. Keiner weiß hundertprozentig, wie der Markt heutzutage funktioniert - es gibt viele sogenannte Nischenthemen, die ganz weit nach vorne gekommen sind.“

„Die Labels haben kapiert: Versuche, uns auf Radio Antenne zu trimmen, bringen uns noch lange nicht in Radio Antenne.“ Ernst lacht. Alexander findet, dass man darauf stolz sein kann. „Wenn Promoter sagen: Ok, wir waren wieder bei den Radiosendern Deutschlands und achtzig Prozent der zuständigen ‘Musikjournalisten’ hören den Namen Deine Lakaien und achten dann gar nicht mehr die Musik - weil sie von vornherein Nein sagen. Es ist schon manchmal sehr erstaunlich, was da in den Radiosendern sitzt.“ Und Ernst seufzt nur: „Oh mei, das ist ein Thema.“

Stimmt, ein weites Feld. Also zurück zur Musik: Der orientalische Touch durch die indischen Drums bei der Single-Auskopplung „Generators“ kommt mir von Alexanders Solo-Album bekannt vor. Wessen Einfluss war das?

Alexander grinst: „Na Ernst hat eben mein Album gehört und dachte sich: Ahhh, das greif ich auf!!!“

Ernst dementiert. „Es war in dem Fall ein so sanftes Stück, das so linear dahinfloss, wie ein Bild von einem Fluss, da wollt ich dann doch ein bisschen Leben reinbringen… „
Mission geglückt, ein toller Titel. „Es ist wieder eine Facette.“ Alexander freut sich. „Gerade wo man, wie du anfangs zitiert hattest, immer wieder von Stillstand, Routine, Berechenbarkeit spricht. Wer hätte denn bei uns vor dieser Single indische Ethno-Rhythmen vermutet? Ich weiß auch, dass viele sich daran stoßen, weil es nicht in dieser typischen Darkwave-Feeling daherkommt.“ Wer glaubt, das habe sich überlebt, bei dem ist wohl die Hoffnung Vater des Gedanken. „Hach, man hofft immer“, seufzt Alexander. „Aber gerade in der sogenannten Untergrundszene fehlt einfach der Hunger nach mehr Weitblick.“

Der Stempel „Berechenbarkeit“ wurzelt wahrscheinlich in Alexanders Stimme, die deutlich dominant in die Musik gebettet ist - manchmal schlägt die Komposition auch darüber, aber meist steht der Gesang explizit im Vordergrund. Ob es schwer ist, als Produzent dagegen anzukommen, frage ich Ernst.

„Das will ich gar nicht. Die Stimme ist das Wichtigste in dem Song - obwohl natürlich der Song in seiner Gesamtheit im Vordergrund steht. Aber die Stimme macht einen Song aus. Ich bin mit dem Problem konfrontiert, seit ich lebe. Ich habe so viel als Klavierbegleitung gearbeitet und früher in meiner Kapellmeister-Zeit oft im Zuschauerraum gesessen, nur um herauszufinden, ob man die Stimme noch hört. Es gibt bei Lakaien einen Weg von der ‘Dark Star’ oder der unveröffentlichten Silbernen bis heute, der die Soundwende zugunsten des Songs und damit der Stimme langsam zurücknimmt. Das hat mit den Themen der Songs zu tun, mit einer allgemeinen Entwicklung und Alexanders Gesang, der sich ja auch geändert hat über die Jahre.“

Es gibt noch eine Entwicklung, und zwar den Ausstieg von Christian und Michael. War es komisch, ohne sie zu arbeiten? „Im Studio nicht so. Da war es sogar einfacher mit den Gastmusikern. Aber“, räumt Ernst ein, „natürlich war es für uns alle verletzend. Ich persönlich empfinde es irgendwie als Niederlage, dass das nicht geklappt hat.“
„Es war schwer für uns, bestätigt Alexander, „aber irgendwann war der Punkt gekommen, an dem es einfach nicht mehr schön war. Man kann es auch positiv sehen: Wer hat schon so eine stabile Livebesetzung vorzuweisen wie wir? Wenn man sich Robert Smith anguckt, wie er bei The Cure Menschen ausgetauscht hat, und Sisters Of Mercy, das klassische Beispiel: Wer sind Sisters Of Mercy? Das ist der Nebel, der Eldritch und irgendwelche Figuren. Was uns betrifft: Es ist selbstverständlich trotz aller negativen Stimmung, die am Schluss vorherrschte, schade; gerade wenn man so viele gute und schöne Konzerte gemeinsam gemacht hat.“

Das Leben geht weiter. Nach vielen gemeinsamen Jahren haben Deine Lakaien übrigens erstaunlicherweise noch immer kein Best-Of Album herausgebracht. „Dieses Ausschlachten mag ich nicht“, erklärt Ernst, „Wenn man wirklich sehr, sehr viel Material hat, könnte man die Stränge, die da sind - der private, der politische, der Reincarnation-Kram - in irgendeiner Weise ein bisschen sinnfälliger machen… „

„Reincarnation-Kram“ ist eine nette Umschreibung von Ernsts „geistiger Bastelecke“ (Ernst über Ernst). „Das hat sich damals aus der Idee heraus entwickelt, dass man sich immer wieder zum Licht erneuert. Das einfach mal umzudrehen und sich zu fragen: ‘Wer will eigentlich noch mal?’ finde ich reizvoll. Immerhin: Es könnte ja auch viel schlimmer kommen und vielleicht steckt da ein ganz böser Plan dahinter … Im Grunde sind das reine Gedankenspielereien.“

Wie verarbeitet Alexander Ernsts Bastelecken-Thema? „Ich? Ich werde niemals Texte zu diesem Thema schreiben.“ Ernst unterbricht lachend: „Er hält es mit Woody Allen: Wiedergeburt? Noch mal 80 Jahre Werbefernsehen? Lieber nicht!“ Lachen. Alexander tönt: „Nee, ich bin ja unsterblich!“
Amen.

Tania Krings


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