Interview mit Alexander Veljanov
NeuroStyle 1996

Deine Lakaien kann man wohl ohne Übertreibung als Speerspitze der deutschen Dark-Wave Szene bezeichnen. Über die Jahre hinweg haben sie sich ihre Eigenständigkeit bewahrt, ohne nach kurzlebigen Trends zu schielen. Geprägt von Ideenreichtum und Experimentierlust wurde ihre Musik auch durch kommerziellen Erfolg belohnt. Wo andere auf der Stelle treten, entwickeln sich Ernst Horn und Alexander Veljanov kontinuierlich weiter. Das neue Studioalbum „Winter Fish Testosterone“ stellt dabei keine Ausnahme dar, präsentiert man sich doch vielfältiger und spannender als je zuvor.

Der eigentümliche Albumtitel setzt sich aus drei Stücken zusammen, die den musikalischen Abwechslungsreichtum des Longplayers wiederspiegeln. Während „Winter“ melancholisch, introvertiert, als Lakaien-typisch angesehen werden kann, zeichnet sich „Fish“ durch ungewohnten Humor aus. Die größte Überraschung stellt aber mit Sicherheit das industriallastige „Testosterone“, welches stark an Skinny Puppy erinnert, dar. „Das find’ ich witzig . Wenn ich das dem Ernst erzähle, wird der fragen: Wer sind Skinny Puppy? Die Musik passt auf jeden Fall zum Text. Bedrohlich und aggressiv“, meint ein schmunzelnder Alexander Veljanov zu dieser Bemerkung. Wie immer bei Deine Lakaien, ordnen sich die musikalischen Ausführungen den Texten unter. Diese Tatsache wirft natürlich die Frage nach der Arbeitsteilung, per Zusammenarbeit im Studio und nach der Songauswahl auf.

„Dieses Mal habe ich mehr Texte geschrieben. An der Arbeitsaufteilung hat sich allerdings nichts geändert. Ernst setzt nach wie vor die Texte in Musik um. Zwischen uns passiert das Meiste inzwischen intuitiv. Er weiß, welcher Text zu mir passt und ich weiß umgekehrt genau, was ich ihm im Lakaien Kontext anbieten kann. Außerdem sind die Lyrics bei „Winter Fish Testosterone“ viel direkter, unterschiedlicher und mit mehr Humor als früher.“ Daraus resultiert zwangsläufig eine Spannbreite, die sich von Pop, Wave, Electro bis hin zur Klassik erstreckt. Der Verdacht liegt also nahe, das auch Nebenprojekte, wie Qntal oder Estampie, einen gewissen Einfluss auf das neue Werk ausgeübt haben. „Also eher unterbewusst. Obwohl schon ein gewisser Austausch stattfindet. Nicht so sehr von den Songs her, aber wohl sicher soundtechnisch. Ernst Horn bleibt eben Ernst Horn. Die Ansätze der einzelnen Gruppen sind allerdings grundverschieden. Estampie ist ein Ensemble für alte Musik, während Qntal mittelalterliche Themen und Gesang elektronisch umsetzt. Außerdem wäre es ja blöd, die Musik von Deine Lakaien noch einmal unter anderem Namen herauszubringen. So kann jeder von uns Dinge verwirklichen, die bei Deine Lakaien unter Umständen nicht möglich sind.“

Als eine der wenigen Gruppen aus der Wave- und Undergroundszene schafft es das Dark- Pop Duo, dass ihre Videoclips, trotz des Fehlens einer solch speziellen Sendung, auf VIVA und MTV gezeigt werden. Die Erklärung hierfür ist für Alexander Veljanov ganz einfach: „Wir sind ein Chartsthema, an dem selbst die ignoranten Fersehbeiräte von VIVA und MTV nicht vorbeikommen. Der Geschmack der Masse hat sich in letzter Zeit allerdings auch geändert. Das beste Beispiel ist Nick Cave, der jahrelang gute Platten gemacht hat und über den Status eines Independent- Stars nicht hinaus kam. Jetzt ist er plötzlich in ganz Europa in den vorderen Chartregionen zu finden, obwohl er immer noch über morbide Themen singt. Ein Zeichen dafür, dass Popmusik nicht niveaulos sein muss. Die Medienlandschaft wird sich in der Zukunft sowieso mehr zum Spartenprogramm entwickeln, denn wer braucht schon 20 Radiosender, die alle das gleiche Programm ableiern. Diese Entwicklung bietet dann sicher auch der Waveszene die Chance, wieder größer zu werden.“

Szenengrenzen zu verwischen und aufzubrechen, dazu hat das dynamische Duo in jedem Fall wesentlich beigetragen. Wurde doch durch die Akustik- Tour gänzlich Szene- fremdes Publikum erreicht und begeistert.

So lauschten ältere Herrschaften, in Anzug und Abendkleid, gemeinsam mit dem wavigen Stammpublikum ihrer Musik. Und was erwartet einen auf den „Winter Fish Testosterone“- Konzerten?
„Einiges! Es wird wie eine Konzeptperformance ablaufen. Qntal wird den Anfang machen, woraus dann im Laufe des Abends Deine Lakaien hervorgehen, so dass ein zusammenhängendes Programm entsteht. Die Lightshow wird noch besser sein als das letzte Mal und neue Instrumente dürfen natürlich auch nicht fehlen.
Zu viel möchte ich allerdings nicht verraten.
Laßt euch überraschen!“

Wir dürfen also gespannt sein, ob 1996 vielleicht das Jahr anspruchsvoller Musik wird. Wäre doch schön. Oder?

Markus Fürgut


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