Ernst Horn »Johnny Bumm’s Wake«
Interview im Orkus 1998

Ernst Horn

Schöne neue Fernsehwelt?!

Mit dem unlängst wiederveröffentlichten Album „The Skies Over Baghdad“ wandelte Ernst Horn 1991 schon einmal auf Solopfaden, obwohl das Werk damals wegen seines hauptsächlichen Engagements in den Kultbands Deine Lakaien und Qntal fast zwangsläufig in den Hintergrund treten mußte. Wo er auf jener Platte noch in sehr kritischer und ernster Weise die Schrecken des Golfkrieges zu verarbeiten suchte, nähert er sich mit dem neuen Projekt „Johnny Bumm’s Wake“ dem Thema „Medienflut“ mit einer Verbindung aus augenzwinkernder Ironie und beißender Kritik. So bilden einen Unzahl an Samples aus allen erdenklichen Fernsehsendungen, die in sehr satirischer bis zynischer Art zusammenmontiert wurden, das Grundgerüst des Albums, welches stilistisch eine beinahe schon absurd anmutende Gratwanderung zwischen schrägem Pop, Ambient-Collage und Industrial-Noise/ Ritual zu vollführen scheint. „Johnny Bumm’s Wake“ ist schwer zu beschreiben und enorm vielschichtig angelegt und daher lassen wir den Maestro am besten gleich selbst zu Wort kommen.

ORKUS: Ich habe den Eindruck, daß du nicht gerne fernsiehst. Stimmt das?

ERNST: Ja, das ist ganz schrecklich. Ich mußte den Fernseher immer einstellen nach langem Zögern, und dann auch noch den Videorecorder anschaffen (lacht). Aber da ist auch eine gewisse Selbstkritik dabei: ich gehöre auch zu den Leuten, die zuviel fernsehen. Jetzt habe ich es aber reduziert!

Bist du über das Fernsehen überhaupt erst darauf gekommen diese Klangcollage zu machen, diese Projekt?

Ja, sicher. Das Fernsehen war ein Anlaß. Der andere liegt noch länger zurück, das ist ein bißchen kurios. Ich habe ja am Anfang im Studio in verschiedene Richtungen gearbeitet, wir haben damals die allererste Lakaien-Produktion im Eigenvertrieb gemacht, dann war Stille, und ich machte damals auch ein paar Instrumentalstücke. Darauf habe ich aber auch ein paar lustige Stücke gemacht, die von vorneherein nur darauf angelegt waren, ironisch zu sein, eine Art Electro-Spaß oder sowas. Davon habe ich ein Demo unter dem Namen Johnny Bumm bei einem Wettbewerb eingereicht, und dabei habe ich den ersten Platz gemacht. Kurz darauf kam eine Plattenfirma und machte daraus eine Maxi Single. Da mußte ich das Stück ein bißchen länger machen, sollte ihm einen zeitgemäßen Rhythmus geben und so weiter, und ich muß ehrlich sagen, ich hab’s fürchterlich verbockt, diese Geschichte; und das ist ganz schnell im Sande verlaufen. Aber es war dann über die Jahre immer mal wieder der Wunsch da, eine Sache in diese Richtung zu machen; dies kam aber auch zeitlich gar nicht in Frage. Zwischendrin habe ich aber immer mal wieder den Videorekorder eingestellt und ‘89 bei dieser Deutschland-Euphorie sehr viel mitgeschnitten, weil ich mir dachte, vielleicht kann man das irgendwann in irgendeiner Weise verbraten. Das war auch die Zeit, als die Privatsender so stark geworden sind und diese elende Dauerwerbung anfing. Dies hat mich so aufgeregt - irgendwann mußte das mal in eine Form gebracht werden; und vor zwei Jahren habe ich mich dann mal hingesetzt. Es war auch einfach einmal ein bißchen Zeit da.

Es hat aber nichts mit deinem letzten Soloprojekt „The Skies Over Baghdad“ zu tun, obwohl es einen ähnlichen Effekt hat?

Ja, das stimmt, „The Skies Over Baghdad“ ist natürlich auch eine Geschichte, aber das Fernsehen, das war ja im Grunde, was die Materialsammlung betrifft zeitgleich. Aber als das damals mit dem Golfkrieg losging - das war ja so eine irre und absurde Geschichte, daß ich mir dachte, das muß ich jetzt sofort umsetzen. Da gab es für mich gar keine Frage dabei. Nur ist natürlich „The Skies Over Baghdad“ eine ernsthaftere Sache, im Ansatz intellektueller, im ganzen Sarkasmus und allem viel trockener als diese Geschichte. Aber diese Techniken , Sprache mit Musik zu verbinden, habe ich da zum ersten Mal gemacht. Später dann, in Hörspielen, die ich auch gemacht habe in der Zwischenzeit, habe ich das weitergeführt. Da ging es dann in Richtung von Johnny Bumm.

Wer ist Johnny Bumm überhaupt - einfach nur ein Jedermann?

Ja, eben. Das war ja ursprünglich mal ein Pseudonym, ich habe einen Namen gesucht, der für mich möglichst dumm klingt - und ich finde, dieser Name klingt auch dumm. Als die Produktion dann fertig war, wurde mir auch von anderer Seite gesagt, daß das nicht weit von den Hörspielen entfernt ist oder von „The Skies Over Baghdad“, so daß wir dann entschieden haben, daß ich es unter meinem eigenen Namen mache und die Figur darin Johnny Bumm nenne. Das ist eine Kunstfigur. Die CD besteht ja aus vierundzwanzig Stücken, die jeweils für eine Uhrzeit stehen. Die CD beginnt um sieben Uhr morgens mit Frühstücksfernsehen und endet mit Frühstücksfernsehen. Dieser Johnny Bumm ist ein Wesen, das zu Hause den Fernseher anhat, der höchstens vielleicht mal auf den Balkon geht und den Enten im Teich zuguckt, dann schlurft er wieder zurück, schiebt sich vielleicht mal so eine abgelegte Semmel rein, trinkt ordentlich was und nimmt auf, was da aus dem Fernseher rausquillt. Und kann wahrscheinlich auch nach kurzer Zeit nicht mehr unterscheiden, ob da jetzt ein Politiker redet oder ob für etwas geworben wird; das fließt alles ineinander bis er dann am Schluß noch seinen traurigen Telefonsex hat und einschläft. Und dann erscheint es ihm im Traum nochmals rückwärts, und sonst nichts. So stelle ich ihn mir vor, aber wie er ganz genau ist, weiß ich auch nicht.

Du hast gesagt, du wärst das alles unter dem Spaß-Aspekt angegangen. Meinst du nicht doch, daß es eine klare und sehr deutliche Message gegen den ganzen Fernsehkonsum ist? Daß man dir sagen könnte, das wäre wieder der erhobene Zeigefinger?

Ja, klar ist er das! Das ist ja mein Elend, daß ich nicht so singen kann wie dieser Herr Johnny Bumm, „mir ist alles wurst“, sondern daß ich mich täglich aufregen kann, auch über diese Fußballweltmeisterschaft und über diese fürchterliche, elende Dauerwerbung. Ach, es war früher wirklich schöner! Wenn man sich vorstellt - in meiner Zeit als Oberkapellmeister hatte ich in meinem wirklich sehr harten Job immer den Samstagnachmittag frei, und da hab ich mich auf’s Bett gelegt und den Fernseher angemacht, und da kam die Biene Maja und dann kam die Muppet Show, und dann eine Stunde Sportschau. Da bin ich mal ein bißchen eingedöst zwischendrin und dann war ich wieder wach, und das war wunderbar. Was soll man heute machen, mit so einer Sendung wie „ran“ zum Beispiel? Natürlich regt mich das auf. Aber ich wollte eine lustige Platte machen, ich wollte nicht den Leuten sagen, schaut nicht fern. Natürlich, selber bin ich ja auch so ein Trottel. Ich guck ja auch zuviel fern.

Hast du denn überhaupt noch Hoffnung für die Medienlandschaft, wenn du das jetzt schon so dramatisch siehst?

Ich muß ganz ehrlich sagen, ich bin schon Pessimist in der Beziehung. Es gibt ja so diverse Sience Fiction-Autoren und ich stimme da mit denen überein die sagen, es wird um’s Geld gehen und um nichts anderes. Die Kommerzialisierung ist das Schlimmste. Und die wird jedes andere Medium unterjochen. Die lebt von der Breitenwirksamkeit, die wird versuchen, alles plattzutreten, alles unter dem Aspekt der kommerziellen Verwertung zu sehen. So wird das aussehen. Und da glaube ich, schwant mir nichts Gutes.

Im Endeffekt ist ja deine Arbeit auch ein Stück Medium!

Ja, das ist es (lacht). Dessen muß man sich natürlich auch bewußt sei. Aber das ist jetzt nur eine kleine Geschichte. Es wird auch immer alternative Nischen geben. Die gibt es jetzt auch im Internet, sowie auch später bei virtuellen Medien, wenn es dann holographische Darstellungsformen gibt.
Wenn ich jetzt damit einen ganz dicken Erfolg landen würde, was nicht so wahrscheinlich ist, dann geht das natürlich auch wieder über die Medien. Dann bin ich schon ein Teil von dem ganzen Spiel. Das muß man schon zugeben.

Du gibst ja auch ein politisches Statement ab. Wieso hast du noch einmal die Wiedervereinigung verarbeitet? Eigentlich ist das Thema ja schon ein bißchen durch.

Ja nun. Es war eben eine Zeit, daß ich dachte, das ist wirklich gutes Material für sowas. Ich muß auch sagen, der Wahlkampf oder so, das wäre kein geeignetes Thema. Da sähe ich keine Möglichkeit für mich, so etwas zu machen. Und was sonst so passiert. Ich finde, das war schon eine arg hanebüchene Zeit, und das hat man ja in München nur über den Fernseher erlebt. Nach München kamen ein paar Trabis, ein paar Wochen später, sonst haben wir das nicht mitgekriegt. Ich habe nur das Pathos aus dem Bildschirm quellen sehen, und die Wirklichkeit wird ja wohl anders sein. Das haben ja auch einige Leute richtig klar erkannt, nur wurden die natürlich untergebuttert. Ich fand einfach, daß dieses Nationalhymnengegröle ein wunderbarer Grundstein war für so eine Sache. Und es hat sich ja auch über die Zeitdauer ausgewirkt. Das, was wir heute an nationalem Denken haben, hat ja damals angefangen. Ich kann mich noch gut erinnern nach der gewonnenen Weltmeisterschaft, als der Kaiser auf dem Balkon stand und die Kameras nach unten schwenkten, da waren schon die Reichskriegsflaggen mit drunter.

Kannst du dir vorstellen, daß es für Johnny Bumm eine Fortsetzung gibt?

Nein, das geht einfach nicht. Das ist jetzt erstens mal zeitlich überhaupt nicht möglich, weil jetzt Lakaien anstehen und Qntal. Ansonsten - eine Live-Umsetzung wäre äußerst aufwendig und es würde überhaupt keinen Sinn machen, wenn ich mich mit dem Keyboard auf die Bühne stelle und da die Samples abfahre. Das müßte man wirklich multimedial präsentieren und eine Performance daraus machen, das ist einfach nicht drin. Ich habe jetzt auch einfach wieder Lust auf Songs. Es ist auch für mich der aller wesentlichste Aspekt, Songs zu schreiben und umzusetzen. Ich habe auch ein großes Bedürfnis nach der Stimmung von Lakaien und Qntal. Dazu dient irgendwie sowas wie Johnny Bumm’s Wake, daß ich wieder Lust darauf bekomme.

Einfach zwischendurch experimentieren?

Ja, und einfach mal mich auskotzen, um es so banal und primitiv zu sagen und danach habe ich dann auch wieder das Bedürfnis, was für’s Herz zu machen. Zynismus allein, das kann ich auf Dauer nicht. Das würde mich auch krank machen.

Du bist also gerade wieder mit Qntal und Lakaien beschäftigt?

Ja. Eine Lakaien-CD wird es im Februar geben - auch mit Tour - und dann eine Qntal CD. Ich hoffe, auch mit Live-Auftritten. Aber alles erst im nächsten Jahr. Es ist schon einiges vorgearbeitet, wir sind auch schon drin, aber noch nicht so wahnsinnig weit.

Was hörst du eigentlich für Musik?

Das ist schwierig. Ich bin ja eigentlich klassischer Musiker, von daher höre ich am ehesten klassische Musik. Meine Frau hört zur Zeit viel BritPop, Pulp und solche Sachen. Ich selber habe im Moment gar keinen definitiven Trend, ich höre alles Mögliche, was so angesagt ist. Ich habe auch einen Sampler mit englischen Electro-Sachen. Vor ein-zwei Jahren habe ich auch ziemlich harten Crossover gehört. Im Moment habe ich aber noch nichts so recht ausgemacht, das liegt aber daran, daß ich wenig Kommunikation habe und viel arbeite. Seit einem guten Jahr bin ich ja auch Papi geworden.

Es ist also nicht zu befürchten, daß deine nächste Platte ein Drum’n’Bass-Album wird?

Nein, nein! Wir versuchen schon unseren eigenen Weg. Und wenn mal ein Text kommt, der aus irgendeinem dringenden Grund einen Drum’n’Bass-Rhythmus erfordert, dann machen wir einen. Aber nicht, um auf einen Zug aufzuspringen. Auf der Forest Enter Exit hatten wir bei „Resurrection Machine“ ja auch so einen Highspeeder Techno. Ich glaube, da hat auch niemand gesagt, das müßten wir jetzt unbedingt auf der Love Parade spielen. (lacht)

Alexander Maciol


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