Release Information 1998

Ernst Horn: Johnny Bumm’s Wake

Studio-Album

Ernst Horn setzt sich in seinem neuen Hörspiel „Johnny Bumm’s Wake“ (Chrom Rec./INDIGO) mit der deutschen Wiedervereinigung und ihrer Gehirnwäsche in den Medien auseinander. Damit legt der Autor, der in den letzten Jahren, neben seiner Tätigkeit für „Qntal“ und „Deine Lakaien“, auch Produzent und Komponist mehrerer vielbeachteter Hörspiele war, eine neue Produktion vor. Auf „The Skies over Baghdad“, seiner letzten Produktion in diesem Bereich, die übrigens zeitgleich einen Re-Release erfährt, war Ernst Horns Reaktion klar: „Wir haben eigentlich gar nichts gesehen“. Diesmal fährt der Held, Johnny Bumm, zweigleisig, aber auf beiden Gleisen in den Abgrund.

Die deutsche Wiedervereinigung: Es ist ein Jubelfest, es ist ein Jammertag. Die eine Spur, die Politik, sie läßt ihm keine Ruhe. Es kommt zu Ausbrüchen, die nicht wirklich ausbrechen können, denn sie verschwinden in zuviel Bier und noch mehr Fernsehen. Da möchte Johnny dann gern auf Boris B. oder Helmut K. einschlagen, oder einfach Luft ablassen. Für ihn geht am Morgen die Sonne auf, was nichts anderes heißt, als daß sich der „Held“ der Geschichte aufraffen kann, den Fernseher einzuschalten und den Tag so zu beginnen, wie er jeden Tag beginnt. Am Abend wird die Sonne wieder untergehen und er wird auch diesen Tag so beenden wie alle Tage seit Jahren. Gleich zu Beginn beantwortet die Werbung alle Katastrophen, und die sind täglich, mit einem satten „Tja“. Die Werbung macht sie möglich. Und sie wird uns immer wieder an ihre Macht erinnern. Außer man schaltet ab. Aber Johnny Bumm kann nicht abschalten. Somit ist er Erinnerungen ausgesetzt, die weit zurückführen und doch wieder aktuell sind. Wenn Hitler über eine neue Jugend spricht, die antreten wird, unterbricht ihn eine Werbepause. Die Wirtshausrunde gröhlt: „Oana geht no, oana geht no nei!!“ und schon verspricht sich der Kanzler: „Wir sind kein fremdenfreundliches Land“. Letztlich ist auch Erich Honeker betrunken und dankt dem Gesangsverein, während alle Vöglein zum 35-jährigen Bestehen der Kampftruppen zwitschern.

Es gibt weitere politische Konflikte, die mit aller Schärfe ausgetragen werden. Genscher in Prag. Grass gegen Kohl. Die deutsche Hymne live gesungen: Wer es erlebt hat, wird es nie vergessen.

Doch soviel auch auf die Hörner genommen wird, so ernst ist die Angelegenheit. Nicht alles ist ihm so „Wurst“, wie im gleichnamigen, zentralen Titel des Hörspiels.

Die zweite Schiene auf der Johnny Bumm in den Abgrund fährt, ist eine Macht, die mit anderen Mitteln arbeitet. Es ist die Macht der Medien, die von einem Besitz ergreift, ob man will oder nicht. Von außen betrachtet sieht sie aus wie eine Spielzeugkiste, gefüllt mit allerhand Material, das unterhalten, informieren und bilden will. Aber es kommt anders. Ernst Horn hat die Kiste geöffnet. Was ihm entgegensprang waren nicht die versprochenen Kuscheltiere, die einen in den Schlaf wiegen, sondern Monster und Abstrusitäten, Geisterfahrten durch ein verKohltes Land, besoffene Trittbrettfahrer und ein Mantel der Geschichte, der einen frieren läßt.

Spannend bleibt Ernst Horns Aufarbeitung der letzten Jahren deutscher Geschichte, gerade weil er nicht mit dem Zeigefinger arbeitet. In Sequenzen wie „Birnen“, in der ein Kind „zur Tat“ schreitet, und damit den sogenannten „Ruck“, der durch unser Land gehen soll, gehörig aufs Korn nimmt, oder die Oma zu einem weiteren Bier aufruft, erlaubt sich Ernst Horn, was er sich in früheren Produktionen nicht erlaubte: Kindsköpfigkeit und Lächerlichkeit. So genau Ernst Horn auch in seinem neuen Hörspiel arbeitet, soviel Freiheiten nimmt er sich. Und gerade diese Freiheiten machen diese Produktion so interessant.

Man sollte sich also mit Ernst Horn auf diese Geisterfahrt begeben, denn man wird wieder aggressiv und wütend, kann aber auch wieder lachen über die eigenen Unzulänglichkeiten und Perversitäten.

Sicherlich ist „Johnny Bumm’s Wake“ kein Album, daß man zwischen Abendgaderobe-Auswählen und abballern von Monstern im vierten Level von „Quake 2“ anhören sollte. Vielmehr entfacht das Material seine Vielfalt im gespannten Zuhören und beim Wiedererkennen von vertrauten Tonschnipseln in neuer Ordnung. Frei nach dem Motto: Was will uns der Künstler damit sagen?


„Eigentlich wollte ich nur mal was Lustiges machen, aber leider ist es wieder ziemlich kompliziert geworden. - Aber so bin ich nun eben halt“, so der Kommentar von Ernst Horn zum Album. - Dann also viel Spaß beim Hören!


Titel-Liste:
  • Am Morgen geht die Sonne auf
  • Jede Menge Spannung
  • Äpfel mit Birnen
  • Papi Papi
  • Wurstsemmeln
  • Liebe Jugend!
  • Frühling
  • Traum
  • Versteigerung Ost
  • Allerdings!
  • Mir ist alles wurst
  • Die Hymne, Genschman
  • Kampfgeist sachverständig
  • Ausländerfreundlich
  • Einer geht noch rein
  • Kurze Pause, Ruf an!
  • Und dabei so mild
  • Angst, oder Apotheker
  • Indianer
  • Rettung
  • Lebensend und Sonnenschein

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