Ernst Horn
»Lili Marleen, Baghdad, 2’91«
Feature im Sonic Seducer

BLICKE AUF BAGDAD

Als um 20.00 Uhr nicht, wie wir verabredeten haben, das Telefon klingelt, vermute ich, daß Ernst vielleicht noch die Tagesschau ansieht: Wir schreiben den 20. März 2003, in der vorangegangenen Nacht haben US-amerikanische & britische Militärs den Irak angegriffen. Mit dem Golfkrieg ‘91 hatte sich Ernst mit seinem nun wiederveröffentlichten Soloalbum „The Skies Over Baghdad“ beschäftigt, jetzt erscheint außerdem die Mini-CD „Lili Marleen, Baghdad, 02’91“. Ernst hat tatsächlich am Fernseher gesessen.

„Ich hab’ CNN geschaut, ja..“ Während ich ihn am Telefon begrüße, erkundige ich mich, wie er sich fühlt; Ernst seufzt. „Ach, ja… Ich habe wenig geschlafen, ich habe gestern ewig auf die Angriffe gewartet, am Videorecorder…“ Dokumentiert er wieder eifrig für folgende Projekte? „Ach, nicht unbedingt, nein. Ich weiß auch nicht, warum. Das ist eher so eine Sucht; ich habe eigentlich nichts vor, nein. Ich hab’ auch gar nicht die Zeit.“

„Man ist unterhalten worden, aber nicht informiert.“

1991 hatte Ernst mit einem Soloalbum auf den Krieg am Golf reagiert, mit einer Collage aus Elektronik & Samples – die Wiederveröffentlichung dieses Albums bietet sich jetzt leider an… „Ja…“, stimmt Ernst zu. Ich warte ab, aber er äußert sich – für mich erstaunlich – nicht zur aktuellen Situation, sondern weist darauf hin, daß das Album seit einiger Zeit vergriffen gewesen sei, daß deswegen die Zeit zur Wiederveröffentlichung gekommen sei, weniger beeinflußt durch aktuelle Ereignisse. „Carl (Erling, Chrom Records) wollte schon lange eine Neuauflage machen, das Cover hatte ihm nicht so gefallen, das hat sich ziemlich gezogen“, erklärt Ernst. „Klar, ich habe in den letzten Monaten gesagt: Nun mach’ mal!“

Daß das doch recht sperrige Album vergriffen war, ist bemerkenswert – an wen wendet sich Ernst mit seiner Soundcollage? „Das ist eine gute Frage; keine Ahnung… Ich habe das damals einfach gemacht… Da war diese Bombennacht, & ich hatte zufällig bei Tele5 reingezappt, die damals unkommentiert immer größere Blöcke von CNN übernommen haben. Das ist ja bekannt – diese absurde Situation, wo man im Fernsehen live das Bombardement gesehen hat. Das war ein Novum, medial so mit einem Krieg umzugehen“, erinnert Ernst. „Das hatte sensationelle Einschaltquoten, also offensichtlich auch Unterhaltungswert – während andererseits von diesem Golfkrieg nichts zu sehen war. Man ist unterhalten worden, aber nicht informiert. Ich wollte, ich mußte das in irgendeiner Weise umsetzen. Es war mir scheißegal, wer das dann kauft – ich wollte das machen.“ Als eine Art persönlichen Protests. „Ja, absolut!“, bestätigt er. Ernst weist darauf hin, daß ihm dabei der Krieg an sich weniger wichtig war: „Es ging weniger um den Golfkrieg als um CNN. An sich ist es was über Medien, der Versuch, eine postmoderne Arbeit zu machen, sich selber aus der Bewertung rauszuhalten, verschiedene Aspekte zu dokumentieren & das dem Zuhörer zu überlassen.“

Weniger zufällig erscheint ein neues Mini-Album mit dem Titel „Lili Marleen, Baghdad, 02’91“. Das etwa halbstündige Stück dokumentiert den Auftritt von Ernst Horn & Sabine Lutzenberger beim „digital-analog“-Festival am 31. Oktober 2002 in München. „Ich bin gefragt worden, ob ich bei diesem Festival mitmachen wollte, & ich wollte was machen, wo ich sehr viel live spielen kann. Viel Handgespieltes, möglichst wenig Sequenzer, nichts Vorgearbeitetes. Es war natürlich auch sehr schön, daß Sabine dabei war. Das Thema kam dann im Herbst wieder neu hoch, & ein grundsätzlicher Gedanke, den ich immer schon hatte, war: Wo bleibt das Individuum, der einzelne Mensch? Ist der einzelne immer nur der arme Zivilist, die Frauen & Kinder? Ist nicht auch der Soldat genauso das Opfer? Ein irakischer Soldat hat keine Wahl zur Fahnenflucht – der wird da rausgeschickt, schlecht ausgerüstet, schlecht verpflegt, der muß darauf warten, daß er entweder gefangengenommen oder umgebracht wird. Das ist ja nicht weniger tragisch als das Schicksal eines Zivilisten. Diese Soldaten haben vielleicht auch zu Hause eine Frau sitzen, die auf sie wartet; ich habe mir vorgestellt, wie das ist. Dann kam das Bild der Lili Marleen – der Inbegriff der wartenden Soldatenbraut.“ Aus einer Gedichtsammlung wählte Ernst dann ein altes portugiesisches Gedicht vom sehnsüchtigen Warten eines Mädchens auf den Geliebten, der mit dem König unterwegs ist, & verband das mit Kriegserklärungen – CNN-Samples, die er schon auf „Skies Over Baghdad“ verwendet hatte. „Da kann man sich dann selbst ein Bild machen. Das ist viel subjektiver als ‘Skies Over Baghdad’. Momentan bin ich derartig aufgeladen, ich würde wahrscheinlich eine reine Haß-CD machen, wenn ich jetzt was über den Golfkrieg machen würde…“

R.Laudert - Sonic Seducer 5/2003


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