Uraufführung 1998
ESTAMPIE - "Materia Mystica"

Materia Mystica Poster


Konzept der Liveaufführung

Materia Mystica

Über Hildegard von Bingen hinauswachsen

Autor: Conny Bruckbauer, für das Deine-Lakaien Fanzine „Manastir Baroue“, 12/1997

Wie immer stellten mich ESTAMPIE vor die größten Herausforderungen, denn ihr Schaffen und Tun verhält sich grundsätzlich anders als erwartet. Sobald die Formation ein neues Projekt in Angriff nimmt, passiert auch etwas vollkommen Unkonventionelles, noch nie da gewesenes. Man möchte schon beinahe behaupten, sie spielen damit, die Konventionen zu brechen, doch auch in diesem Fall der MATERIA MYSTICA war ich, nach anfänglicher Verzweiflung, angenehm überrascht.

Im kommenden Jahr jährt sich der Geburtstag von Hildegard von Bingen zum 900. Mal. Zu diesem Ereignis werden wahrscheinlich aller Orten Konzerte, esoterische Vorträge, Naturheilkundetagungen und wer weiß nicht noch alles zu Ehren der heiligen Hildegard von Bingen stattfinden. Doch bei aller Mystifizierung der Person Hildegards, die mit den bedeutendsten Persönlichkeiten ihrer Zeit brieflich verkehrte, muß man heute doch feststellen, daß viele ihrer Theorien einfach überholt sind oder - noch schlimmer - nie fundiert waren.

Sicherlich hat die Ordensschwester viele ihrer Erkenntnisse durch Beobachtung und Ausprobieren herausgefunden, die man später wissenschaftlich bestätigen konnte.

Wenn man so will, führte sie schon fast Menschenversuche zur Krankenheilung mit ihren Medikamenten durch, auch wenn man die Krankenpflege natürlich nicht mit der heutigen vergleichen kann.

Um Hildegardes Musik, die mir, von der mir geläufigen Mittelaltermusik am wenigsten zusagt, näher zu kommen, besorgte ich mir einige Bücher über Hildegard von Bingen und ihre musikalischen und dichterischen Werke.

Nach dieser Lektüre war ich allerdings fast so schlau wie vorher. Da ich nun mal behaupte ein kleines musikalisches Grundverständnis zu haben und mich auch mit Hildegards Zeit durch andere Persönlichkeiten wie Eleonore von Aquitanien vertraut machte, erschien es mir doch sonderbar Hildegard nicht greifen zu können. Während der Lektüre hatte ich fortwährend das Gefühl, da wäre ETWAS, was allerdings letztendlich doch wirr und verschwommen in den Hintergrund trat. Ich kam an den Kern ihrer Aussage nicht heran und ich bezweifle ob es ihn überhaupt gibt. Hildegard von Bingen Anhänger mögen mir das verzeihen.

Mit der gleichen Verzweiflung des Unverständnis hörte ich mir Aufnahmen ihrer Musik an und fand einfache Sequenzen vor, die mir im Vergleich zu Bernart de Ventaodorn oder gar von Alfonso X (der allerdings etwas später lebte) ziemlich langweilig erschienen. Ich konnte die Popularität Hildegard von Bingens, die ja fast schon an Ausverkauf grenzt, nicht begreifen.

Vielleicht haben ESTAMPIE das gleiche gedacht, als sie an ihr neues Werk herangingen.

Eine Mittelalterformation kommt natürlich um eine 900 Jahrfeier nicht herum. Im Vorfeld bekam ich während der diesjährigen Lakaienfestivals schon mit, daß die Musiker eigenartige Lektüre verschlangen, plötzlich merkwürdige Gespräche über die Bibel und esoterische Bücher begannen und ich wußte nicht so recht, wohin das führen sollte, wenn ich ihre Ansichten auch teilweise sehr interessant, revolutionär und gut fand. Nach und nach begriff ich, daß auch sie versuchten, die Frau zu fassen, die mir so unverständlich scheint. So ist auch die musikalische und szenische Umsetzung von ESTAMPIE, über Hildegard von Bingen hinweg, gleichsam ins Zeitlose hinausgewachsen.

Während ihrer Beschäftigung mit den Werken Hildegards stießen ESTAMPIE immer wieder auf die vier Elemente und dies schien zu einer Art Leitmotiv ihres Projektes zu werden. Sie symbolbehafte Materie (Materia Mystica) wurde zum Leitfaden ihrer Produktion.

Zusammen mit dem Produktionslabel für multimediale Performances SLOT A LOT gingen sie einen neuen Weg diese 900 Jahrfeier zu bestreiten.

Im Mittelpunkt von MATERIA MYSTICA stehen nun also die vier Elemente: Wasser, Erde, Luft und Feuer. Symbole, die Hildegard von Bingen ebenso immer wieder verwendete wie das Kreuz und den Kreis. Die Vorstellung, daß alles Erschaffene aus den vier Elementen geformt ist, geht ja bis auf das 8. Jahrhundert. v. Chr. zurück. Diese Vierteilung findet ihre Entsprechung in den Jahreszeiten, Grundfarben, Wesenstypen und eben auch in dem Symbol des Kreuzes. Ein Zeichen der Materie in vielen Kulturen.

Dazu kommt der Kreis. Er steht als Symbol für die himmlische, spirituelle Ebene. Als Zeichen der Unendlichkeit.

Diese Symbole sollen während der Aufführung in verschiedene Assoziationskreise umgesetzt werden:

ATEM - HAUCH - INSPIRATION - GESANG - STILLE

RAD - KREIS - LEBENSALTER - EWIGER KLANG EINES TONES

Um Himmels Willen - werdet Ihr jetzt sagen - jetzt wirds aber esoterisch. Richtig! Das habe ich mir auch gedacht. Aber die Umsetzung ist halb so wild.

Vier Sängerinnen (Syrah, Gerlinde Sämann, Cornelia Melian und Rose Bihler-Shah) symbolisieren die vier Elemente auf einer Art Laufsteg, der in Kreuz- sowie in Kreisform angeordnet ist. Die Planung ist noch nicht endgültig, aber sie könnte ungefähr so aussehen.

Bühnenplan

Die Sängerinnen werden aus verschiedenen Werken Hildegard von Bingens versuchen die vier Elemente mit Ihrer Stimme (das Instrument Gottes) zu symbolisieren. Indes beschränken sich ESTAMPIE hierbei nicht auf die rein mittelalterlichen Vorlagen der einstimmig notierten Handschriften Hildegards sondern geben jedem Element eine Art modern dazu komponierten Schluß, bevor die Musik an das nächst kommende Element anschließt und zum Schluß gleichsam wieder beim Ersten von vorne beginnt. Der Kreis ist also wieder geschlossen. Das Kreuz ausgefüllt.

Musikalisch lassen sich natürlich sehr viele Elemente aus anderen Kulturkreisen übernehmen. Man denke an die Trommeltänze um das Feuer oder für Regen bei den Kulturen Afrikas. Auch der arabische Einfluß in dieser Musik darf natürlich nicht fehlen, welcher ja zur Zeit Hildegards durch die aufkommenden Kreuzzüge gerade an Einfluß in Europa gewann. Dementsprechend wird wohl verstärkt mit Percussion gearbeitet werden. Die Musik wird ausschließlich (zumindest nach derzeitigem Stand) mit mittelalterlichen Instrumenten realisiert, doch wer sagt, daß man damit am historischen Vorbild kleben bleiben muß.

Neben der Musik - oder besser mit ihr - werden ritualsierte Gesten und Muster, zeitlupenartige Bewegungen, Stellbilder, die archaische und zeitlose Kraft symbolisieren, sowie eine Sprecherin (Juljane Kosarev), die Texte von Hildegard von Bingen interpretiert, die vier Element, mit der Unterstützung von dynamisch durch Lichteffekte geschaffene Naturbilder, auch optisch vor unseren Augen als Bild entstehen lassen. Die vier Elemente dieses inszenierten Konzertes kreuzen und beeinflussen sich gegenseitig. Dadurch werden Assoziationsräume geöffnet, welche die Musik atmosphärisch verdichten. Mit Licht und Schatten und auf das Farbenspiel abgestimmten Kostümen wollen uns Estampie in die tiefere Bedeutung dieser vier Elemente entführen.

Die Welt gleicht dem Menschen und spiegelt sich in seiner Seele. (Hildegard v. Bingen)

MATERIA MYSTICA reiht sich also nicht nahtlos in die unzähligen Hildegard von Bingen Aufnahmen ein, welche jetzt schon in den CD Läden angepriesen werden, sondern beschreitet einen anderen neuen Weg um Hildegard mitzunehmen, aber auch über sie hinauszuwachsen.

Das ist bei Estampie auch nicht weiter verwunderlich. Schließlich ist die Formation einerseits als begnadetes (für mich bestes) Mittelalterensemble bekannt, andererseits überrascht die Gruppe immer wieder bei der Umsetzung strukturierter Theatermusik. Die fundierte Basis von Musikern wie Michael Popp, Ernst Schwindl Hannes Schanderl, Tobias Schlierf oder Roman Seehon gibt ihnen die Möglichkeit, ein solches Werk real werden zu lassen. Dieses Werk, das wohl mehr als Avantgardemusiktheater zu bezeichnen ist, als daß es eine Umsetzung von einstimmigen, in nicht genau definierten Neumen zusammengefaßten Sequenzen aus den Handschriften des Klosters Rupertsberg und Eibingen wäre.

  • ESTAMPIE - Materia Mystica LIVE 1998 (Foto Florian Zimmermann)
    ESTAMPIE - Materia Mystica LIVE 1998 (Foto Florian Zimmermann)
  • ESTAMPIE - Materia Mystica LIVE 1998 (Foto Florian Zimmermann)
    ESTAMPIE - Materia Mystica LIVE 1998 (Foto Florian Zimmermann)
  • ESTAMPIE - Materia Mystica LIVE 1998 (Foto Florian Zimmermann)
    ESTAMPIE - Materia Mystica LIVE 1998 (Foto Florian Zimmermann)
  • ESTAMPIE - Materia Mystica LIVE 1998 (Foto Florian Zimmermann)
    ESTAMPIE - Materia Mystica LIVE 1998 (Foto Florian Zimmermann)
  • ESTAMPIE - Materia Mystica LIVE 1998 (Foto Florian Zimmermann)
    ESTAMPIE - Materia Mystica LIVE 1998 (Foto Florian Zimmermann)
  • ESTAMPIE - Materia Mystica LIVE 1998 (Foto Florian Zimmermann)
    ESTAMPIE - Materia Mystica LIVE 1998 (Foto Florian Zimmermann)
  • ESTAMPIE - Materia Mystica LIVE 1998 (Foto Carl Erling)
    ESTAMPIE - Materia Mystica LIVE 1998 (Foto Carl Erling)

Konzertbericht zur Uraufführung von „Materia Mystica“

Abendzeitung München 9.3.1998

Mystik und Mittelalter
Feuer, Wasser, Luft und Erde; Kreis und Kreuz, Licht und Dunkelheit: Symbole, die heute so populär sind wie vor 800 Jahren. Damals machte sich die Mystikerin Hildegard von Bingen Gedanken über das absolute Wirken der Elemente, heute verstehen wir deren (oberflächlichen) Sinn, wenn sie zur Illustration von Hildegards Liedern und Texten herangezogen werden. Sabine Haß Produktionslabel Slot a Lot inszenierte mit „Materia Mystica“ ein Gedenk-Konzert für die mittelalterliche Mystikerin, gespielt in der Reithalle von dem Münchner Alt- Musik- Ensemble Estampie. Die hervorragenden Sänger und Instrumentalisten haben sich auf Mittelalter- Themenabende spezialisiert: Nach Marienkult oder Kreuzzugsmusik nun Hildegard. Frauenchoräle im Quartett, begleitet von Percussion, Saiten- Tremolo oder dem zarten Beiden der Drehleier, spannten Brücken zwischen den Liedern Hildegards und der modernen Avantgarde, übergangslos von Melodik in die Atonale wechselnd und mit gregorianischen Harmonien ausklingend. Frauenpower statt Kirchentrauer: Die getragenen Melodien der von Hildegard auf lateinisch geschriebenen Lieder und schlaglichthafte Rezitationen ihrer Texte erinnern an eine, die gegen ihre Zeit und ihr Rollenbild lebt. Bei der Ausdrucksstärke der Musik und der Attraktivität der Instrumente hätte man sich die dekorativen Bewegungen fast sparen können.


  Top