Exklusiv-Interview 1996
Helga Pogatschar »MARS Requiem«

MARS

„ICH BIN OBSESSIV,
KRIEGERISCH
UND FANATISCH“

Ein Interview mit Helga Pogatschar zum »MARS Requiem«

Im November 1995 wurde Dein Mars-Requiem in der Münchner Reithalle uraufgeführt. Wie lange hast Du insgesamt an der Komposition gearbeitet?

Genau ein Jahr und das ohne Urlaub, durchschnittlich 10 Stunden am Tag.


Was für ein Gefühl war es dann letztendlich, Deine Komposition in der Aufführung, die Du selbst geleitet hast, zu erleben?

Ich fiebere jedesmal dem Augenblick der Aufführung entgegen. Allerdings, wenn er da ist, sehe ich nur, was nicht so geworden ist, wie ich es mir vorgestellt habe. Die kleinsten Unzulänglichkeiten ärgern mich mehr, als ich Freude empfinden könnte.


Ein Requiem ist eine christliche Totenmesse, Mars bezeichnet den römischen Kriegsgott. Wie paßt ein Kriegsgott zum christlichen Glauben?

Jede Religion hat Kriege ausgelöst. Zudem ist die katholische Kirche eine mächtige Institution, die über Jahrhunderte hinweg aktiv und maßgeblich an der Politik beteiligt war. Die Kreuzzüge machen es deutlich: zum Krieg gehört Obsession. Kein Glaube ohne Leidenschaft.


Ungewöhnlich für ein Requiem ist die Konfrontation von melodisch-lithurgischem Gesang und knallharten elektronischen Klangmitteln. Welche Wirkung möchtest Du damit erzielen?

Ich mache mir über die Wirkung keine Gedanken. Alles enstand so, wie es entstehen mußte: Sehnsucht nach Vollkommenheit und Harmonie stehen in mir im ständigen Kampf zu verzweifelter, wütender und verhaßter Demut.


Die einzelnen Titel hast Du mit Zitaten von Oskar Schellbach versehen, die wie Kommentare zur Musik wirken. An einer Stelle heißt es: „Nur als besserer und höherer Mensch hast Du Daseinsberechtigung, sonst bist Du faul und krank und verdienst den Untergang!“ Was bedeuten die Zitate in diesem Zusammenhang für Dich?

Genanntes Zitat setze ich in Sequentia ein, die Texte der Sequentia beschreiben sehr stark die regressive Vorgehensweise der katholischen Kirche gegen ‘Sünder’. Behinderungen des Menschen wurden als Stigma des Bösen verstanden und geahndet. Bis zur Rassenhygiene und Euthanasie des NS-Regimes ist es nur noch ein kleiner Schritt. Die Ghettoisierung von AIDS-Kranken, die heutzutage diskutiert wird, beweist die Aktualität der Autosuggestionsplatten Schellbachs aus den 40er Jahren: Der Mensch als omnipotenter, überhöhter Alleskönner und Alleswisser ist in unserer chicken, jungen Fitnessgesellschaft unbedingt erwünscht.


Würdest Du Dich als religiösen Menschen bezeichnen?

Es kann gar nicht anders sein: ich bin obsessiv, kriegerisch und fanatisch zugleich und bin von einer ungeheuren starken, naiven Sehnsucht nach Spiritualität beseelt. Ich glaube, so etwas nennt man religiös.


Als Komponistin und ganz speziell als Komponistin eines Requiems bist Du mit einer männlich ausgerichteten Musiktradition konfrontiert, die in der Geschichte größtenteils Musik von Frauen ausgegrenzt hat. Wie sieht die Situation für komponierende Frauen heute aus?

Kann ich schwer sagen, denn ich kenne keine, obwohl jeder und jede heutzutage die Möglichkeit hätte. Der Beruf Komponist ansich erfordert langen Atem. Noch längeren Atem brauchen wir, bis sich zweitausend Jahre Patriachat im kollektiven Unterbewußtsein umentwickelt haben. Die Diskussion um die Emanzipation der Frau sollte heute nicht mehr nötig sein.


Was leistet auf diesem Gebiet - Frauen und Musik - der Verein ‘Musica Femina’, in dessen Vorstand Du bist?

Ende 1988 wurde der Verein Musica Femina München e.V. gegründet. Ziel seiner Mitglieder ist es, Werke von Komponistinnen ausfindig zu machen, einzustudieren und im breiten Münchner Publikum vorzustellen. Außerdem fördert und unterstützt Musica Femina München Musikschaffende, die sich mit Werken von Komponistinnen auseinandersetzen. Der Verein vermittelt Kontakte untereinander und regt interessierte Musikerinnen zur Zusammenarbeit an. Zu diesem Zweck werden jährlich mindestens zwei Konzertabende veranstaltet, bei denen Werke von in- und ausländischen Komponistinnen der Vergangenheit und Gegenwart zur Aufführung gelangen.


Welche Pläne hast Du für die Zukunft?

Große Pläne für die Zukunft schmieden, macht bei mir keinen Sinn. Zuviel unvorhergesehene Dinge passieren, die das Leben plötzlich verändern können. Sicher aber wünsche ich mir, viele weitere Projekte wie Mars und viel Zeit und Ruhe zum Komponieren.


- Vielen Dank für das Gespräch.

Robert Eberl, Chrom Records im April, 1996


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