Programmheft zur Uraufführung 1995
Helga Pogatschar »MARS Requiem«

Der Text des Programmheftes:

MARS Requiem

Musik im Raum für fünf Singstimmen und Keyboards
von Helga Pogatschar

The requiem was commissioned by Carl Erling

PROGRAMM

Uraufführung am 10. und 11. November 1995 21 Uhr
Reithalle, Heßstr. 132, München

(Ausverkauft)

Die Besetzung der Uraufführung:

Helga Pogatschar - Komposition, Keyboards, Produktion
Alexander Zimmermann - Musikalische Leitung
Gerlinde Sämann - Sopran
Stefanie Früh - Mezzosopran
Dagmar Aigner - Mezzosopran
Andreas Hirtreiter - Tenor
Jürgen Weiß - Baß
Tobias Melle - Diaprojektion
Patricia Harlos, Martin Werhahn - Licht
Ekki von Nordenskjöld - Ton
Mathias Bartoszweski - Raum
Peter Engelmayer - Projektleitung

Mars zeigt, wie unsere Gesellschaft mit den Themenbereichen Religion, Tod, Macht, Krieg, Heldentum und Sieg umgeht. Das multimediale Konzert arbeitet mit den Ausdrucksmitteln der Jetztzeit: Mediale Bilder, Pop- und Industrial-Elemente im Spannungsverhältnis zur klassischen E-Musik der Moderne. Musik (mit aufwendiger Circle Surround Beschallung), Licht- und Diaprojektionen als Gesamtkunstwerk bilden einen rituellen Raum, der die Besucher gleichzeitig packt, wie irritiert.

Mars*
Introitus
Kyrie
Graduale
Tractus
Sequentia
Offertorium
Sanctus
Agnus Dei
Communio
Qohelet

MARS - EIN REQUIEM,
schon der Titel des Werkes klingt
wie ein Paradoxum par excellence.

Ein Oratorium, basierend auf katholischer Liturgie,
und das im Namen des römischen Kriegsgottes?


Geschrieben von einer Frau, die, so suggeriert das Coverphoto der jungen Komponistin Helga Pogatschar (29), eher mundtot scheint, amnesisch, hinter den geschlossenen Lidern in eine Art Schneewittchenschlaf versunken, so daß sie wohl gar nicht merkt, wie über ihrer gesamten unteren Gesichtshälfte eine Wunde klafft, notdürftig zusammengehalten von groben Stichen? Das Bild wirkt wie durch eine verschmierte Scheibe fotografiert, der gläserne Sarg der Brüder Grimm oder eher Lewis Carrolls in Klang und Bild lebendiggewordene, unter die Oberfläche getauchte Heldin „Alice hinter den Spiegeln“, auf Entdeckungsreise im wahren Wunderland? Helga Pogatschar arbeitet mit den klaren, festen Strukturen universeller Mythen, deren Echo im inneren Auge, im inneren Ohr, und schließlich pfeilgerade im Herzen ihres Publikums Form, Farbe und Gestalt annimmt.

„Seelephonie“, diesen Namen, der auch Helga Pogatschars „Requiem“ treffend charakterisieren würde, erfand Oscar Schellbach, der Urvater der Autosuggestion und Wegbereiter nicht nur von moderner Meditation und autogenem Training, sondern auch unfreiwilliger Helfershelfer der nazistischen, Nietzsche ins Gegenteil verkehrenden Erziehung zum „Willen zur Macht“. O-Ton alter Schellackaufnahmen Oscar Schellbachs, die Helga Pogatschar konsequent und kommentarlos als einzige Sprecheinlagen in ihr Werk integriert hat: „nur als höherer Mensch hast du Daseinsberechtigung, sonst bist du faul und krank und verdienst den Untergang“.

Ein starkes Stück, solche Worte. Doch in dieser oder ähnlicher Form sind derartige Parolen nicht nur von Nazitribünen, sondern auch von unzähligen Kirchenkanzeln heruntergedonnert. „ …beinahe müßig zu fragen, weshalb Helga Pogatschar gesampelte Auszüge dieser historischen Aufnahmen in MARS integriert hat. Zu augenfällig ist die innerste Verwandtschaft dieser mit heiligem Ernst rezitierten Suggestionen mit jenem heiligen Zorn, aus dem heraus die Mutter Kirche jahrhundertelang Abweichlern und Häretikern, aber auch harmlosen Sündern mit Strafe und Vernichtung auf den Fersen war“, schreibt Alexander Zimmermann, der Dirigent von MARS, in seinem „Produktionstagebuch“. Ein „Faszinosum“ sei die „Machtinstitution Kirche“ schon immer für sie gewesen, erklärt Helga Pogatschar. „Unglaublich schlau, wie sie all die heidnischen Riten in ihr Programm eingebaut haben. So wird die Lust am Archaischen perfekt bedient.“ Aber auch sie, die von den Eltern bewußt atheistisch erzogen wurde, kann sich den Verlockungen, die das „Opium fürs Volk“ bietet, nicht völlig entziehen. „Der Darwinismus ist für mich sehr destruktiv“, sagt Helga Pogatschar. „Ich versuche, durch die Vermischung dieser uralten Formen mit moderner Musik den Brückenschlag zwischen den archaischen Bedürfnissen nach Religion wie auch nach Krieg aufzuzeigen. Beides funktioniert nach dem Prinzip der Massensuggestion. Beides darf nicht tabuisiert, nicht verleugnet werden.“ Mit martialischen, geradezu kriegslüsternen Rhythmen untermalt sie die liturgischen Formen. Aggressiv, voller Hochspannung das Kyrie. Im Hintergrund schwingt immer der bedrohliche, stampfende Beat aller Armeen seit Menschengedenken mit. Und genauso etwas unendlich zartes, bittersüßes, die Sehnsucht nach Befreiung.

In jeder Kopfnote, jedem Zwischenton ist neben dem in sich versunkenen kleinen Mädchen, das einmal war, nun auch die starke Frau, erwachsene Frau präsent. Eine durch und durch souveräne Musik. „Paß auf, Dornröschen, wenn du aufwachst, könnten deine Träume wahr geworden sein!“ möchte man fast rufen, während das Requiem mit dem Qohelet sanft, aber doch jubilant ausklingt. „Ein Abgesang. Schlußpunkt und Aufbruch. Traurigkeit statt Trauer. Reinheit und Heiserkeit, Gefühl und Härte“, empfindet der Dirigent. Und fühlt sich abschließend an den Humor des jüdischen Talmud erinnert: „Etwas, das wahr ist, ist nie schwarz oder weiß.“

Ein Requiem verspricht „Ruhe“. „Requiescat in pacem“, „ruhe in Frieden“. Doch um dieses Gefühl des wirklichen, tiefen, aufgelösten Friedens zu erreichen, braucht es die oft konfliktierenden Emotionen, die sich mal im Widerstreit der Instrumente, der Klänge und Stimmen reflektieren, und mal in geradezu überirdischer Harmonie. Wo Friede sein soll, da muß auch Raum sein für das Aufgewühlte, das Zweifeln, den Widerspruch. Ohne Brüche kommt nirgendwo Licht hinein. Und da ist es, dieses Gefühl von endloser Weite, von lichtdurchfluteten (Seelen-) Landschaften, von Versöhnung und Erlösung, das der Sinn und Zweck eines jeden Requiems ist. Plötzlich erscheint auch das Coverphoto, das auf den ersten Blick wie eine Anklage wirkte, in einem ganz anderen Licht: Die gläserne Wand ist wie zerborsten, langsam, fast unmerklich in feine Schleier zerstoben. Die Assoziationen von Ohnmacht, Mißhandlung und Folter oder Zensur haben sich in der Vielschichtigkeit dieser Musik aufgelöst. Kakaphonien gesampelter, aber ausschließlich natürlicher, nicht synthetischer Klänge haben sich symphonisch zusammengefügt und geben nunmehr den Blick frei: Das seltsame Objekt, das der Komponistin den Mund zu verbieten schien, ist tatsächlich ein Tausendfüßler, aus dem Scherzartikelgeschäft. Kein Knebel, ganz das Gegenteil: Dieses Tier ist ein Symbol für Aufbruch statt Stillstand. MARS ist eine Totenmesse, ja, aber auch eine Hymne an das Leben, ein ewiger Kreislauf der sich immer wieder öffnet und schließt. n

Infantin in Trance: Helga Pogatschar

So viele Stimmen sind in ihrem Kopf und in ihrem Körper, der nicht zu altern scheint: Alles Gedächtnis dieser Welt. Tausend Jahre Musikgeschichte: Hildegard von Bingen, Bach, Bartok, Ligeti, Kraftwerk, Industrial - und der Sound der Zukunft?

An E.T.A. Hoffmanns Puppen-Wesen Olimpia erinnert die „Infantin“, wenn sie wie in Trance diese Stimmen in Noten verwandelt. Eine Compositrice, die kurz vor der Jahrtausendwende noch einmal in unsere Vergangenheit hineintaucht, um die Musik des 21. Jahrhunderts zu schaffen: Babylonische Sirenengesänge aus einem Jenseits, das bald zu unserem Diesseits werden könnte.

Es ist Dr. Mabuses Stimme, die durch diese Maschinenräume spukt. Zum Sound-Mausoleum wird dieses Requiem im Sanctus“ und zur Trance-Misson in eine andere (Klang-)Welt.

MARS zeichnet ein „Wall of Sound“ aus, dessen Trockenheit an den einstigen König Midas des Pop erinnert, Phil Spector. In ihrer egomanischen Lust am Erfinden neuer Sounds ist die „Infantin“ die kleine Schwester des Königs. Und es ist die Kraft des Willens und der Vorstellung, die beide Visionäre miteinander verbindet.

MARS ist ein „Bastard“, ein Zwitterwesen, wie die Schöpferin selbst: Übergangsmusik. Klänge, die von der unstillbaren Sehnsucht nach den Ewigen Gärten von Babylon künden. (Vittorio Dell´Orso)

CD AUFNAHME ERHÄLTLICH BEI CHROM RECORDS

Recorded at realistic sound studio by Florian H. Oestreicher. All songs mixed by Florian H. Oestreicher except Tractus, Dies Irae and Offertorium by Jens Ohly. Mastered by Christoph Stickel, MSM.

All songs composed and arranged by Helga Pogatschar except „Mars“ * composed by Dagmar Aigner and Helga Pogatschar.

Claudia Böhm - cover photo

Carl Erling - layout


* Der Titel „Mars“ ist nur auf der Erstauflage des MARS-Albums enthalten.

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