Helium Vola
DNAsix Interview (Torsten Schäfer)

Zaubersprüche für hustende Kinder

Wenn Ernst Horn mal nicht mit Alexander Veljanov als Deine Lakaien auf Tour ist, wandelt der Münchener Elektroniker und ehemaliger Dirigent gerne auf Solo-Pfaden. Ende April erscheint mit Liod das zweite Album seines Nebenprojektes Helium Vola, das überwiegend mittelalterliche Texte mit modernen elektronischen Arrangements und der bezaubernden Stimme von Sabine Lutzenberger verbindet. Wie schon beim selbstbetitelten Debut hat mit einem Gedicht des französischen Autors Michel Houllebecq auch diesmal ein moderner text den Weg auf die Platte gefunden. Im Gespräch mit DNAsix schildert Ernst Horn das Konzept des neuen Werkes, beschreibt die Schwierigkeiten, mit Helium Vola auf Tour zu gehen, und lässt uns wissen, warum Jon Bon Jovi ein Schleimer ist.

Erzähl doch bitte etwas über das aktuelle Album…

Ernst Horn: Es hat sich diesmal durch die Textauswahl und dem Gesang von Sabine Lutzenberger ein Frauenthema in den Vordergrund geschoben. Es geht um eine junge Frau im Mittelalter und ihren Leidensweg. Sie gibt sich in ihrer Frühlingsverliebtheit einem Mann hin und wird von ihm entjungfert. Er haut dann ab, sie ist schwanger, und das Kind ist auch nicht gesund. Am Anfang der CD stirbt das Kind eigentlich schon, aber gegen Ende der Platte lebt es dann doch, weil da ein kleiner Merseburger Zauberspruch kommt. Alles wird schön, und es kommt ein Maienlied zum Schluss. (lacht)

Das Ende klingt ja auch tatsächlich sehr fröhlich…

Ich weiß gar nicht, wann ich schon mal eine Platte gemacht habe, die fröhlicher aufhört. (lacht) Die erste hört ja auch mit einem Maienlied auf, aber das säuft dann so richtig ab. Und bei den meisten Lakaien-CDs haben wir auch ein schwermütiges Lied am Schluss.

Bist du bereits mit der Absicht, eine fröhlichere Platte zu machen, an die Arbeit gegangen?

Ich würde sagen, nur teilweise, und wenn, dann ist es von den Texten inspiriert. Ich bin nicht bewusst rangegangen, dass ich sage, ich müsste jetzt mal eine fröhlichere CD machen. Wenn man sich das vornimmt, kann man das als Musiker gar nicht so steuern. Da sitzt man tagelang, monatelang im Studio, und das verselbständigt sich dann alles. So eine Verliebtheit in den Frühlingstexten am Anfang, das bringt dann vielleicht auch eine etwas leichtere freundlichere Musik. Ich finde schon, dass es dann ziemlich düster wird, gerade das Lied Frauenklage, das ist schon ein sehr tragisches Lied, und das Kind, das hustet ja auch immer so herum. (lacht)

Binden die Instrumentaltracks die Stücke untereinander?

Das ist ein bisschen der rote Faden, den ich genommen habe. Anstelle der aktuellen Samples, wie ich das sonst immer hatte in anderen Projekten und auch bei der ersten Helium Vola-Platte, habe ich mich diesmal entschlossen, musikalische Motive zu nehmen. Das sind immer wieder dieselben Sachen, La Fille von Houellebecq und diese sehr düstere, nach unten ziehende Refrainmelodie aus Omnis Mundi Creatura. Die habe ich am Anfang immer so rhythmisch versetzt, dass man sie nicht erkennt, aber sie soll diese Unentschiedenheit, dieses Schweben des Kindes zwischen Leben und Tod versinnbildlichen.

Durch den Houellebecq-Text und die Melodiefragmente vom Debut wirken die beiden Helium Vola-Alben sehr geschlossen…

Ich mag es, mich thematisch auf ein anderes Album zu beziehen. Das hab´ ich früher auch schon so gemacht mit Motiven, die irgendetwas beschreiben, weil man da eine Art Erzählstrang entwickelt, der sich auch über mehrere Alben hinwegziehen kann. Man webt da so ein wenig über die Jahre an einem Teppich. Es ist für mich eine total schöne Sache, immer wieder Querweise auf etwas anderes zu machen und auf diesen Weg auch ein bisschen mit den Assoziationen rumzuspielen.

Gibt es für dich irgendwelche Themen, die für zukünftige Alben in Frage kommen?

Ich wollte ursprünglich für das Album etwas mit Weltraum machen und hatte auch schon sehr schöne Sachen von der NASA. Das hab´ ich dann aber alles gekippt zugunsten dieser Frauenlieder. Und eigentlich wollte ich auch so ein kleines politisches Eckchen machen.

Den Text von ‘Dormi’ hast du selbst geschrieben. Hast du eigentlich auch mal überlegt, selber zu singen?

Ich musste früher im Dirigierunterricht singen. Das ist mir extrem schwer gefallen. Alexander hat ja für spätere, eventuell kommende Zwistigkeiten auch ein Faustpfand in der Hand, nämlich Demo-Aufnahmen von mir, die ich ihm immer mal wieder geschickt habe. Nicht, weil ich mich da als Sänger profilieren wollte, sondern weil ich einfach unsere Songs, die ich dann schon ein bisschen vorbereitet habe, ihm vorgesungen habe. Das klingt wirklich, als ob da jemand ein Moped repariert. (lacht) Ich habe aber jedenfalls damals schon gemerkt, dass ich null Talent zum Singen habe, und lasse das auch lieber.

Im Februar gab es die Vorab-Auskopplung Veni Veni. Wie gehst du vor, wenn du eine Single produzierst?

Während man die Stücke macht und zusammenstellt, wird es schon klar, das könnte ein Stück sein, das man auf eine Single draufhaut. Ich bin nicht so wahnsinniger Fan von Singles, muss ich ehrlich sagen. Ich bin froh, wenn ein Club-Stück dabei ist, denn es bereitet das Album vor. Und die Plattenfirma ist dann auch ein bisschen besänftigt, wenn man ein Stück hat, das auch bei den Leuten ankommt. Dann kann man beim Album wieder mehr die schrägen Sachen reinhauen, so hinter ihrem Rücken.

Du bist einer der wenigen Künstler die offen über die Musikindustrie reden…

Ach, das machen die anderen auch, aber so ganz ehrlich sind da viele nicht. Musiker gerade so aus dem Alternativen, halten es ja schon ein bisschen für die Pflicht, über die raffgierige Plattenindustrie abzulästern. In Wirklichkeit wollen sie sich nur bei den Fans einschleimen. Das ist auch nicht ernst zu nehmen, dass so einer wie Bon Jovi jetzt angefangen hat, Napster hochzuloben, das ist eine reine Anbiederei bei den Fans, der wollte halt wieder ein bisschen Underground sein, weil sie ihn immer so zerzausen in der Presse. (lacht)

Wird es eigentlich eine Helium Vola-Tour geben?

Ich bin fest entschlossen. Es ist schwierig, weil die anderen so schwer beschäftigt sind, das wir eventuell doppelt besetzen müssen. Sabine natürlich nicht; wenn sie keine Zeit hat, kann man eben kein Konzert machen. Ich hätte auch Lust, das vom Optischen her sehr aufwändig zu machen, und das wird dann auch sehr teuer. Ich muss das dann ganz schön durchrechnen, damit das dann auch einigermaßen funktionieren kann.

Was sind deine nächsten Projekte?

Ernst: Die Lakaien sind fällig. Nächstes Jahr ist unser 20-jähriges Jubiläum, da müssen wir natürlich schon mit irgendetwas am Start sein. Wir wollen Konzerte machen, die richtig groß aufgezogen sind, wie sich das so gehört für ein 20-Jähriges, und ein neues Album wäre sicher auch sehr schön. Ich hab´ schon ein paar Stücke fertig gemacht, die sehr elektronisch und trocken sind, aber möglicherweise gehen wir doch nicht in die Richtung. Da muss ich noch einige Bierchen runterspülen mit dem Alexander, bis wir uns da mal auf den Weg kriegen, aber das werden wir sehen.


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