Helium Vola - Liod
Interview im Orkus Magazin 5/2004 (Michael Schäfer)

Ein Konzeptalbum sollte Liod schon werden - nur eben ein völlig anderes. Ursprünglich beabsichtigte Ernst Horn, wie bereits weiland bei Qntal Moderne und Mittelalter thematisch zueinander in Bezug zu setzen. Nach der Sichtung des historischen Textmaterials zeigte sich jedoch, dass viele der Aufzeichnungen von Frauen handelten. Also wurde das eigentliche, eher Zeitkritische Konzept komplett verworfen und dem natürlichen Lauf der Dinge vortritt gelassen. Dennoch ist rein musikalisch gesehen immer noch die Verschmelzung der Epochen - der Grundgedanke hinter Helium Vola - gegeben. Liod, der seltsam anmutende Name des aktuellen Werkes, birgt im übertragenen Sinne dieses Grundprinzip in sich.

„Ich habe Liod, einen Roman von Vladimir Sorokin, gelesen. Im Russischen steht Liod für Eis. Mir gefiel einfach der Klang des Wortes. Liod bedeutet aber auf Althochdeutsch auch Lied beziehungsweise Gesang. Zudem ist LiOD das Kürzel für die chemische Verbindung Lithiumdeuteroxid, die im bereich der kalten Fusion eine wichtige Rolle spielt“, erteilt Ernst Auskunft.

Nennt sich das neue Album nun deshalb Liod, weil dieser Ausdruck sowohl im Mittelalter gebraucht wurde, als auch in der Gegenwart verwendet wird? Fusioniert also der Begriff „Liod“ gewissermaßen Epochen, wie es auch in der Musik Helium Volas geschieht? „Wenn ich mich wichtig machen wollte, könnte ich das bejahen“, grinst Ernst. „Der chemische Aspekt des Wortes war einfach eine schöne Dreingabe. Ich hätte das Album aber auch sonst Liod genannt“, schmunzelt er.

Helium Vola ist - wie schon Qntal - nicht unbedingt leichte musikalische Kost. Auch Liod klingt eher sperrig und kapriziös. Andererseits ist durchaus die Tendenz zu mehr Eingängigkeit vorhanden. Ernst sich dessen nicht wirklich bewusst: „Hm… schwer zu sagen. Ich empfinde Liod eher als ziemlichen Brocken. Das mag an der schieren Länge des Albums liegen. Vielleicht ist die neue CD deshalb homogener, weil sie keine Sprachsamples enthält. Deren Stelle nehmen nun die Liods (vier mit Liod titulierte musikalische Intermezzi - Anm. d. Verf.) ein. Die Liods verbinden die Stücke untereinander. Es sind instrumentale Melodiekürzel, die eine Art roten Faden bilden. Erst gegen Ende des Albums entschlüsselt sich deren Zweck“, gibt sich Ernst enigmatisch. Deshalb: Was entschlüsselt sich denn nun konkret? „Am Ende stellt sich heraus, dass ich auf unser Debut Bezug nehme, indem ich Omnis Mundi Creatura gewissermaßen recycle. Von diesem Lied tauchen Fragmente der Zeile Nostrae vitae nostrae mortis immer wieder auf. Man erkennt sie nur nicht gleich, weil sie in sich verschoben sind. Am Schluss entschlüsselt sich das Ganze insofern, da die Textteile nun als Ganzes - nur eine Tonart höher - gesungen werden. Der Unterschied zum Debut besteht darin, dass das Wort mortis (= Tod) weggelassen wird und das Leben (= vita) somit obsiegt. Ich wollte eben einen positiven Ausklang“, lacht Ernst fröhlich.

Dem Antagonismus zwischen Tod und Leben ist im vorliegenden Fall ein uneheliches Kind ausgeliefert - was im Mittelalter einer Stigmatisierung sowohl für die Mutter als auch für das Kind gleichkam. Ernst sammelte verschiedene alte Texte, die von derlei Frauenschicksalen erzählen, um in der Folge daraus die zusammenhängende Geschichte seiner Protagonistin zu basteln. „Anfangs häuften sich zufällig vier bis fünf Frauentexte. Ab da suchte ich gezielt nach ähnlichen Schriften und verwarf mein ursprüngliches Konzept. Letztlich überzeugte mich gesanglich Hingabe dahingehend, das ein Frauenschicksal in dem Mittelpunkt des Konzepts gezückt werden soll.“, berichtet Ernst.

Es ist Frühling, eine Frau verliebt sich, es kommt zur Entjungferung und daraufhin zur Schwangerschaft. Der Geliebte flüchtet, es wird Winter, die Frau bleibt alleine zurück und muss sich mit den Anfeindungen ihrer Umwelt auseinander setzen. Das Kind „kränkelt“ - wie Ernst sich ausdrückt - durch das Album. Es hustet und gibt Laute des Unwohlseins von sich. „Im Grunde stirbt das Kind schon zu Beginn der CD. Wildgänse fliegen hinfort, was das Entschwinden der Seele hörbar machen soll. Dies ist der Ausgangspunkt. Dann rolle ich die Geschichte von hinten auf. Die Frau kämpft und ich lasse das Kind immer mal wieder selbst zu Wort kommen.

In Gegen einen Dämon adaptierte ich einen Bannspruch aus den Merseburger Zaubersprüchen. Diese Beschwörung war eigentlich dazu gedacht, ein Haus von bösen Einflüssen fern zu halten. Auf Liod will sich das Kind jedoch vor dem Tod schützen. Es sagt, dass der Tod ihm deshalb nichts anhaben kann, weil er nicht mal das Wort chnospinci (ein Phantasiewort) auszusprechen vermag.“ Und was zeigt uns das? „Natürlich, dass das Kind doch nicht stirbt!“, grinst Ernst nachdenklich in den Raum. „Und - wenn man genau hinhört, fliegt am Ende der CD die Wildente zurück. Das Kind überlebt also“, löst Ernst das Rätsel auf.

Jenem Kind lieh übrigens Eva Horn, Ernsts sechsjährige Tochter, ihre Stimme. „Im Wesentlichen ist das die ganze Geschichte. Was zudem leitmotivisch öfter auftaucht, ist La Fille von Michel Houellebecq. Sein schwarzhaariges Mädchen mit den schmalen Lippen symbolisiert den Tod. Die Melodie von La Fille soll betroffen machen. Durch ihre Wiederholung verstärkt sich die Wirkung dieses Motivs. Am Ende hält jedoch der Frühling erneut Einkehr, und das Leben geht weiter. Das ist die ganze Geschichte.“

Kommen wir abermals zur Eingangsfrage zurück. Wenn Liod im Vergleich zum Erstlingswerk zugänglicher und einheitlicher ist, lässt dies vermuten, dass das Mehr an Kohärenz vielleicht durch das zusammenhängende Konzept initialisiert wurde. „Ja“, meint Ernst lakonisch. Wenn dem so ist, müssten dann doch die Texte schon vor dem Verfassen der Texte ausgewählt worden sein, oder? „Natürlich! Eine kongruente Konzeption zieht durchaus homogenere Musik nach sich. Das Debüt war ja thematisch nicht in sich geschlossen; deshalb vielleicht auch die höhere musikalische Divergenz“, löffelt Ernst nachdenklich in seinem Müsli. „Was ich jedoch mit Bestimmtheit sagen kann, ist, dass ich versucht habe, mich kompositorisch weiterzuentwickeln. Ich achtete stärker auf Mehrstimmigkeit und versuchte mich mehr in klassischen Kompositionsweisen. La Fille kann man eigentlich als Madrigal bezeichnen. Im Gegensatz hierzu waren mir diesmal Klangexperimente weniger wichtig. Daher vielleicht die stärkere Homogenität.“

Aber auch sonst sind Neuerungen wahrnehmbar. Hierbei fallen vor allem Bitte um Trost und Chumemin auf, klingen diese beiden Stücke doch zu apart im Vergleich zu dem, was ansonsten von Helium Vola zu hören ist. „Hm ja“, löffelt Ernst weiter. „Tschuldigung aber ich hab´ so Hunger!“, lächelt er. „Nun Bitte um Trost hat so komische Silbenwiederholungen in sich - richtig! Das erinnert doch stark an die Herangehensweise von Rap-Musikern. Im Prinzip basiert auch der Rap auf Stabreimen. Ich wollte es eben rhythmisch. Und ja, es groovt schon für meine Verhältnisse“, lacht er schmatzend. „Ach Gott, und Chumemin hat sich einfach so ergeben. Das sollte halt irgendwie ein Stück über sexuelle Gier sein. In den Carmina Burana von Orff gibt es das Stück auch; allerdings in einem lieblichen Walzerrhythmus. Hier habe ich viele Stimmen übereinander gedoppelt. Das sind regelrechte Soundcluster geworden.“

Ungewohnt ist auch, mit Dormi eine in Italienisch gehaltene Eigenkomposition Ernsts auf Liod anzutreffen. „Mir fehlte ein Schlaflied. Da ich keines in alten Textsammlungen fand, verfasste ich es kurzerhand selbst“, gibt er sich pragmatisch. „Mein italienisch ist schlecht. Ich habe daran gewürgt und kam letztlich zu einem passablen Ergebnis. Eine Italienerin las dann Korrektur. Und siehe da: Es waren kaum Fehler enthalten. Da kannst du mal sehen, wie weit man mit einem Wörterbuch kommt“, lacht er selbstironisch. „Ich finde diese alten Schriften einfach schön. Helium Vola basiert letztlich hierauf. Die antiken Sprachen verströmen eine ganz bestimmte Atmosphäre. Um Gottes Willen, ich möchte die Leute wirklich mit meinen Texten verschonen! Hierin bin ich wirklich nicht fit genug. Die Melodien stammen hingegen bis auf zwei Ausnahmen von mir. Das finde ich spannend: alte Lieder umzukomponieren.“

Wie kann man sich nun die Zusammenarbeit zwischen Ernst und seiner Sängerin Sabine Lutzenberger vorstellen? Ernst bezeichnet sich ja selbst als Eigenbrötler, dem es eher schwer fällt, andere zu integrieren. Daran scheiterte letztendlich das gemeinsame Wirken mit Qntal. „Es gibt schon auch Konflikte“, atmet ernst tief aus. „Andererseits nehme ich auch auf Sabine Rücksicht. Qntal war von Anfang an eine Band, die aus drei gleichberechtigten Partnern bestand. Helium Vola ist hingegen mein Solo-Projekt“, stellt er klar. „Insofern unterliegt Helium Vola ganz anderen Voraussetzungen. Ich würde es mal als ein Aufeinanderzugehen bezeichnen“, drückt sich Ernst vorsichtig aus. „Sabine ist aber die Interpretin. Deshalb muss ich es akzeptieren, wenn ihr mal einer meiner Vorschläge nicht so zusagt. Lass es mich so sagen: Ich bin mit klassischer Musik aufgewachsen. Ein Komponist schreibt Noten, die dann später eingesungen werden.

Mit einer Gruppendynamik, wie sie bei Qntal gegeben war, hat dies gar nichts zu tun. Es ist aber auch so, dass die anderen involvierten Sänger Noten wollen. Klassische Musiker brauchen Noten! Ein bandinternes Proben liegt ihnen völlig fern. Das erleichtert die Arbeit ungemein. Vielmehr kommen die Musiker zu mir ins Studio und singen meine Notenvorgaben ein. Und das war`s in der Regel. Es ist ein wunderbares Arbeiten“, schwärmt Ernst. „Andererseits singen die engagierten Musiker zwar schon meine Noten, sie phrasieren sie aber auf ihre individuelle Art und Weise. Gerade die Solistischen Sachen räumen einen gewissen Interpretationsspielraum ein. Auch Sabine variiert, bringt kleine Schleifer und Verzierungen mit ein, was dem Ganzen mehr Tiefe verleiht. Ich würde sogar behaupten, dass ihr Gesang viele der Stücke stärker macht, als sie rein kompositorisch gesehen sind. Die Lieder Leben regelrecht von ihrem Gesang“, meint ernst abschließend.


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