Carl Erling - Interview zu Deine Lakaien
SonicSeducer Musikmagazin, 2016

Carl D. Erling
Stets zu Diensten

by Torsten Schäfer, 2016

Viele Bands finden über die Jahre Förderer und Mentoren, die aber lieber im Hintergrund bleiben. Man denke nur an Mute-Chef Daniel Miller, der die Karriere von Depeche Mode in die richtigen Bahnen lenkte. Oder George Martin, der die Beatles als Produzent in den Pop-Olymp katapultierte. Auch bei Deine Lakaien gab es über Jahre einen fünften Beatle: Carl D. Erling. Er entdeckte nicht nur das Duo und nahm es unter Vertrag, sondern war lange die gute Seele der Band.

Über Mundpropaganda und Empfehlungen gelangte Ende der Achtziger das erste Album von Deine Lakaien in die Hände von Carl Erling. Er betrieb zu der Zeit das Label Gymnastic Records, aus dem später Chrom Records hervorging. „Ich war fasziniert“, erinnert sich Carl an den ersten Eindruck. „’Wasted Years’ hat sich mir zuerst eingebrannt. Sowas hatte ich vorher noch nie gehört und ich hatte sofort das Gefühl, diese Musik weitergeben, mit anderen teilen zu müssen. Ich mochte diese melancholische Grundstimmung: nie depressiv, manchmal selbstironisch, eine Sprache der Seele. Dieses unbestimmte Gefühl des Verstanden-Seins. Insbesondere diese verschrobenen elektronischen Soundwalls von Ernst in Kombination mit der damals noch etwas introvertierten, aber bereits ausdrucksstarken Stimme von Alexander hatte es mir stark angetan.“

Erling nahm die junge Band unter Vertrag, die kurze Zeit später mit „Dark Star“ den Durchbruch feiern konnte. In den folgenden Jahren ging es steil nach oben, was das Ein-Mann-Label von Erling an die Grenzen brachte. Neben der Organisation des Labels übernahm Erling Managementaufgaben, erstellte Artworks, begleitete die Band auf Tour und war bei den Dark-Star-Konzerten sogar für die Lichttechnik verantwortlich. Je größer das Projekt Deine Lakaien wurde, umso mehr gab er an Aufgaben ab. Eine beratende Stimme bei künstlerischen Fragen und der Promotion behielt er jedoch. Kein Wunder also, dass Erling immer wieder als Mentor von Deine Lakaien gilt. Auch wenn er selber die eigene Rolle bescheidener bewertet: „Ich sah das Ganze stets pragmatisch: Ich hatte diese Band, diese unglaubliche
Musik und das kleine Label - und sah die viele Arbeit, die zu tun war, die über die normale Tätigkeit eines Labels zwar hinaus ging, aber irgendwie erledigt werden musste. Ich habe dann einfach überall mit angepackt. Ich will mir die Lorbeeren aber nicht alleine anstecken: Ich hatte mit Oliver Wegener vom AMV [Alster Musikverlag] einen langjährigen guten Berater, der die Musikbranche gut kannte und die Band schätzte.“

Mitte der NuIler-Jahre zog sich Erling nach und nach aus dem Musikgeschäft und seinem Label-Baby Deine Lakaien zurück. „Für mich war nach 20 Jahren kräftezehrender Labelarbeit die Sehnsucht nach etwas Neuem da“, erzählt er, „denn auch die spannendsten Projekte werden irgendwann Routine. Deine Lakaien waren gut untergebracht und der Fortbestand der Band mit neuem Management, Major Label und dem weiter begleitendem Verlag gesichert.“

Chrom Records wird heute von Ernst Horn als Künstlerlabel weitergeführt, während Erling eine Internetagentur betreibt. Doch nach all den Jahren Pause hat er heute wieder die Finger im Spiel. Gleich mehrere Webseiten hat er für Horn und die Band gestaltet, darunter den aktuellen Webauftritt von Deine Lakaien. Bis heute schätzt Erling die Dynamik der Band: „Dieses Ringen um den musikalischen Ausdruck. Wie es eben ist, wenn der Gitarren-Songwriter auf den Avantgarde-Elektronik-Tüftler trifft. Was mich gefreut hat, war der hohe gegenseitige Respekt und die aus dem Spannungsfeld entstehenden Lösungen, die die Musik von Deine Lakaien am Ende so abwechslungsreich macht.“