Run Run Vanguard
NEW LIFE - Interview 5/1993 - Christian Lorenz

We are what we are

Als im Frühjahr 1993 das Album „Suck Success“ der Berliner Formation Run Run Vanguard das Licht der Welt erblickte, konnte noch niemand ahnen zu welchen hochgeistigen Gedankensprüngen sich die Musikpresse beflügeln lassen würde. Waren doch dort Verlautbarungen wie „Gothic-Grunge“ zu hören, welche wahrscheinlich einzig und allein auf Lead-Sänger Alexander Veljanov zurückzuführen waren, der uns ja hinlänglich von Deine Lakaien bekannt sein dürfte. So übersah man dann anscheinend auch, daß Run Run Vanguard schon seit ‘88 durch die Musiklandschaft marschieren und erst jetzt den Schritt wagten, einen Longplayer zu veröffentlichen. Und mit „Gothic“ will man schon gar nichts zu tun haben, sei man doch, so jedenfalls Schlagzeuger Werner: „eine Live-Band“ und „man könne das, was eine Band live rüberbringt, nicht an dem messen, was auf dem Album zu hören ist“ (freies Zitat, Anm. d. Verf.). Selbstredend, denn eine LP wird meistens unter Zeit- und Gelddruck eingespielt und spiegelt selten wieder, welches Potential eine Band wirklich hat. Wie auch immer, Run Run Vanguard sind eine eigenständige Band, die jeglichem Vergleich mit den „Lakaien“ trotzen und auch dementsprechend eingestuft werden sollte.


NEW LIFE: Euer Markenzeichen, zumindest auf dem Album, ist eine Banane. Hat diese irgendeinen Bezug zu Andy Warhol oder zu Velvet Underground, die dieses Motiv ja auch verwendet haben?

Alexander: Eigentlich schon. So’n bißchen.

Peter: Zumindest hören wir sie alle gern und diese Banane hat viele Bedeutungen, da kann sich jeder was bei denken.

NEW LIFE: Es ist keine Anspielung auf den ehemaligen Osten?

Peter: Nein, nein. Die Banane liegt ja im Dreck, von daher ist es keine blöde Anspielung.

NEW LIFE: Ihr habt ja dieses Problem, wie z.B. im „TIP“ (Berliner Stadtmagazin), wo ihr als „Gothic-Gruppe“ abgetan werdet. Wie steht ihr dazu, daß man versucht, Euch krampfhaft in eine Schublade zu stopfen?

Werner: Das finden wir eigentlich Scheiße.

NEW LIFE: Würdet Ihr Euch selber in eine Richtung definieren?

Peter: ich finde das wirklich ärgerlich, ich ärgere mich wahrscheinlich am meisten darüber von uns, oder?

Werner: Ich nehme es Dir ab.

Alexander: Man ärgert sich immer über irgendwelche Schubladen.

Peter: Das komische ist doch, von uns ist keiner ein „Gruft“ und auch nicht gewesen und wird auch nicht sein, deswegen sträubt sich das in mir, da irgendwie so veranschlagt zu werden.

Alexander: Mag sein, daß verschiedene Einflüsse da sind, unter anderem vielleicht auch sogenannter Post-Punk, Gothic oder wie man es auch immer nennen mag. „Gothic-Grunge“ klingt eben gut, so 2 G’s, das hat sich halt irgend jemand ausgedacht. Ich denke aber nicht, daß sich das durchsetzen wird, ich habe den Begriff nie vorher gehört.

NEW LIFE: Ihr entfernt Euch also prinzipiell von der Gothic-Ecke?

Alexander: Ach, von jeder Ecke. Ich will auch nicht in die Grunge-Ecke oder Metal oder sonstwas. Wir machen Musik, die wir machen und da braucht es keinen Aufkleber.

Peter: Das witzige ist ja, das die melancholischen Sachen immer in der Beurteilung so ein großes Gewicht kriegen, daß praktisch die anderen Sachen keine Erwähnung finden. Ich weiß auch nicht, wie das funktioniert, aber es ist immer irgendwie so, die Leute sehen Alexander…

Alexander: Was?

Peter: Naja komm, oder hören, daß Du eine tiefe Stimme hast und tiefe Stimmen haben halt selten Sänger und dann kommt ein ruhiges Lied und schon macht’s „Klick“. Und da kommt keiner auf die Idee, wenn er mal eine flotte Nummer hört zu sagen: “ He, das ist Trash-Metal“, als Gegensatz ganz kraß mal gesagt.

NEW LIFE: Das wirft die Frage auf: Seht ihr Euch eher als Live- oder als Studio-Band?

Alexander: Wir waren eigentlich immer eher eine Live-Band, das war unsere erste Studio-Platte jetzt und wir haben jahrelang live gespielt.

NEW LIFE: Ja, das habe ich letztens gelesen, daß ihr nach einem Jahr Abstinenz wieder zurück seid, wann habt Ihr eigentlich angefangen zusammen Musik zu machen?

Alexander: Ja, pffff, unter dem Namen Run Run Vanguard so ‘88. Also ich habe mit Peter schon früher angefangen, damals hatten wir noch einen anderen Bassisten, Timo ist dann ‘90 dazugekommen.

NEW LIFE: Das heißt, daß die Sache parallel zu „Deine Lakaien“ lief und nicht einfach nur ein Projekt ist?

Alexander: Also Lakaien sind noch älter.

NEW LIFE: Aber es sieht so aus: neue Platte, neues Projekt.

Alexander: Das ist es überhaupt nicht.

Peter: Also das ist eine ganz, ganz interessante Frage mit dem Studio und mit dem Live, wir haben uns die ganzen ersten Jahre mehr als Live Band verstanden und versucht, uns von der Ecke aus zu entwickeln. Überall ein paar kleine Gigs und dann kam ja auch die Phase, wo wir gar nichts mehr gemacht haben, tja und dann genau das Umgekehrte anzufangen, mit dieser Platte und was wir jetzt wollen, ist irgendwie einen Mittelweg zu finden, weil wir uns das professioneller vorstellen.

NEW LIFE: Gab es denn schon Resonanz auf Eure Live-Konzerte vor der Veröffentlichung Eures Albums?

Peter: Ach, wir haben Erfolge gefeiert und uns tätig gelangweilt.

Alexander: Gelangweilt auch, daß war sehr unterschiedlich. Also in Berlin haben wir in fast jedem Club gespielt.

NEW LIFE: Und wie waren die Reaktionen auf die Record-Release-Party? Du sagtest sowohl gut als auch schlecht.

Alexander: Ja, ich hab mit ein paar Leuten geredet und es war halt sehr unterschiedlich. Man muß natürlich berücksichtigen, daß die Insel ja am Freutag ein typisches Publikum hat, nämlich das Dark-Wave-Publikum, und die Konzerte sind ja freitags auch meistens in der Richtung und da sind wir schon ein bißchen aus dem Rahmen gefallen. Natürlich sind viele Leute gekommen, weil sie wußten, daß ich da mitsinge, Lakaien-Fans, und ich kann es natürlich keinem Lakaien-Fan übel nehmen, wenn er da Probleme hat mit einer Gitarren-Band. Und umgekehrt natürlich genauso, es gibt halt auch Leute, die das jetzt besser finden als Deine Lakaien.

NEW LIFE: Ist es schwer für Dich zu koordinieren zwischen Deine Lakaien und Vanguard?

Alexander: Nöö.

NEW LIFE: Du schaffst das alles ohne die eine oder andere Band zu vernachlässigen?

Alexander: Es ist so oder so immer schwierig verschiedene Sachen zu machen. Aber in diesem Fall ist ja Lakaien keine Band, die in einer Stadt lebt und sich dreimal die Woche trifft um Musik zu machen. Lakaien war ja eigentlich ein Studio-Projekt, dann durch die Plattenveröffentlichung, „Dark Star“-Erfolg, erste Tour… aber es ist immer mehr ein spuralisches Zusammenarbeiten, man konzentriert sich immer auf eine gewisse Zeit, so einen Monat, wo ich Lakaien mache und dann habe ich wieder Zeit für Vanguard, es läuft nicht beides gleichzeitig nebeneinander.

NEW LIFE: Aber Du gibst keiner Band mehr Gewicht, es haben praktisch beide Bands den gleichen Stellenwert?

Alexander: Das ist schwer zu sagen, ich meine natürlich war in den letzten zwei Jahren Lakaien wesentlich wichtiger als Vanguard, da ich mit Lakaien wesentlich mehr arbeiten mußte, 2 Touren, 3 eigentlich, einige Platten und Vanguard war wie gesagt 1 Jahr auf Eis gelegt. Und na ja, im Herbst sind wir dann ins Studio gegangen, weil wir endlich auch eine Platte mit Vanguard machen wollten. Es war nicht so, daß ich mein Solo-Ding durchziehen wollte, ist es ja auch überhaupt nicht, ich bin einer von Vieren und nicht der Chef.

NEW LIFE: Gibt es so etwas wie Eifersüchteleien, daß z.B. Vanguard sagt: „Ey, Du hast zu wenig Zeit für uns“?

Alexander: Kleine Eifersüchteleien gibt es immer, das ist klar, aber es ist alles sehr fair.

Peter: Also konkrete, terminliche Korrosionen hatten wir bisher noch nicht. Ich meine das wird sich jetzt zeigen mit dem touren.

Alexander: Das ist alles machbar. Ich meine Ernst macht auch seine Sachen. Also ich denke, da ist niemand so sehr auf ein Ding fixiert.

NEW LIFE: Wie wird es konkret weiter gehen mit Vanguard, wird es eine richtige Tour geben?

Alexander: Also, wir spielen erst einmal im April in Jena, Nürnberg und Berlin und dann werden wir sehen. Eine Tour geht im Moment nicht aus Zeitgründen. Aber eine Woche, zehn Tage werden wir schon noch touren vor dem Sommer.

Ich finde es wichtig, daß die Leute das nicht so eng sehen. Vanguard und Lakaien sind zwei paar verschiedene Schuhe, aber ich denke schon, daß sich das in einem Plattenschrank vereinen läßt.


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